In eigener Sache

In eigener Sache

In eigener Sache 846 605

Kürzlich wurde ich gefragt: „Haben Sie Angst vor dem Alter?“ Am liebsten hätte ich geantwortet: „Was soll die Frage? Wollen Sie meine Intelligenz beleidigen? Selbstverständlich habe ich Angst vor dem Alter! Es hält schließlich jede Menge Zumutungen für einen bereit.“ Da ich keine Lust auf eine ausführliche Antwort und eine womöglich sich daran anschließende Diskussion hatte, und außerdem ein für gewöhnlich netter Mensch bin, der andere nach Möglichkeit nicht vor den Kopf stößt, wählte ich das unverbindliche: „Nein, im Moment noch nicht, noch fühle ich mich ja jung!“ Hab‘ natürlich auch insgeheim gehofft, dass der andere gar nicht anders kann, als zu sagen: „Ja, Sie sehen ja auch phantastisch aus!“ Er konnte anders, aber was soll’s, wenigstens von anderen alten Schachteln kriegt man manchmal noch Komplimente. Habe ich schon angegeben mit meinem Erlebnis im Juni in Paris, als eine ältere Dame auf der Straße spontan zu mir sagte: „Vous êtes belle!“ Wer sagt’s denn, dachte ich, hat die ganze Gesichtsgymnastik der vergangenen Jahrzehnte doch was geholfen (an teure Kosmetik glaube ich nicht). Für nähere Auskünfte zur Gesichtsgymnastik wenden Sie sich bitte direkt an mich. Jede Anfrage wird diskret beantwortet.

So, um jetzt aber mal auf den Punkt zu kommen, um das Aussehen geht es mir gar nicht, auch wenn ich zugegebenermaßen eitel bin, aber das brauche ich nach der Einleitung wohl nicht extra zu erwähnen. Ich habe auch (noch?) keine Angst vor dem Tod – jedenfalls nicht vor meinem. Wovor ich Angst habe, ist, so unleidlich zu werden, wie ich das von etlichen Freundinnen und Freunden höre, wenn sie mir ihre Erfahrungen mit ihren hochbetagten Eltern schildern. Ich kann keine eigenen Erfahrungen beisteuern, meine Eltern waren so rücksichtsvoll, nicht so alt zu werden, dass sie die Chance gehabt hätten, unleidlich zu werden. Ich fürchte, sie hätten es gekonnt. Zu meinen Schwiegereltern hatte ich kein inniges Verhältnis, aber so anspruchsvoll, fordernd, nervtötend und ewig am Zetern, wie ich das von anderen höre, waren sie nicht. 

Eine Freundin, die ihre Mutter extra nach Konstanz geholt hatte, damit sie sich besser um sie kümmern kann, sagte mir einmal verzweifelt: „Entweder sie schimpft oder sie jammert, sie ist mit nichts zufrieden und an mir meckert sie auch unentwegt herum. Und egal, wie oft ich zu ihr komme, es ist immer zu wenig!“ 

Eine andere schilderte ihren Schwiegervater, der im Rollstuhl sitzt, ganz ähnlich. Er wird im Haus ihres Schwagers von seinem Sohn und seinem Enkel aufopferungsvoll betreut – ohne es ihnen zu danken, versteht sich. Dafür bringt er es fertig, seinen Sohn bei der Arbeit anzurufen und ihm zu sagen, er müsse ganz dringend nach Hause kommen. Der Arme fürchtete einen schrecklichen Notfall, ließ alles stehen und liegen, raste nach Hause, wo ihn der Vater empfing mit den Worten, das hätte jetzt aber gedauert! Ihm sei ein bisschen kalt, der Sohn möge ihm doch eine Decke über die Knie legen. Mehr war nicht…

Ein Freund, dessen Geduld die meine bei weitem übersteigt, ertrug mit Gleichmut, dass er bei jedem seiner wöchentlichen Besuche nur mit Vorwürfen überhäuft wurde, was er alles verkehrt macht. 

Ich könnte noch ein paar solcher Geschichten dranhängen, aber ich glaube, jetzt ist klargeworden, um was es mir geht. Man hätte den Herrschaften so gern das Motto der jüngst verstorbenen, berühmtesten aller alten Schachteln der Welt ans Herz gelegt, für das ich seit vielen Jahren ein großes Faible besitze: Never complain! Das „never explain“, das auch dazugehört, wollen wir jetzt mal großzügig unter den Tisch fallen lassen, das ist für die Autorin von Sachbüchern vielleicht nicht so passend. 

Never complain! Ich hoffe, das ist mir in Fleisch und Blut tätowiert! Ich habe nämlich schon ein bisschen Angst, womöglich eines Tages auch so ein Ekelpaket zu werden! Denn das ist ja das ganz Schreckliche an der Angelegenheit: ich bin mir ziemlich sicher, dass all diese alten Knöterer im Leben nicht geglaubt hätten, dass sie mal so enden! In ihren mittleren oder auch nicht mehr ganz so mittleren Jahren haben sie sich wahrscheinlich öfter gesagt: „Also nie im Leben werde ich so wie meine Mutter/Onkel Karl/Tante Ottilie!“ Und dann vergehen die Jahre und plötzlich merken sie, dass sie all die Sachen, die sie früher so selbstverständlich gemacht haben, nicht mehr hinkriegen, und dieser Verlust der Fähigkeiten und der damit einhergehende Verlust, selbständig ihr Leben zu bewältigen, macht sie bitter und unerträglich. Sie hassen es, zu nichts mehr gut zu sein. Und ihre Nächsten und Liebsten kommen zu dem Schluss: „Also, so schlimm war nicht mal die Oma/Großonkel Karl/Großtante Ottilie!“ Das Angewiesen sein auf Unterstützung macht sie unzufrieden, die Alten, unglücklich und zänkisch. Werden die anderen schon noch merken, was sie davon haben, dass sie noch jung und nicht auf Hilfe angewiesen sind!

Ich weise ausdrücklich darauf hin: Ich unterstelle keiner alten Schachtel (m/w/d/Seejungfrau) eine bösartige Wesensart, grundsätzliche Unliebenswürdigkeit oder sonstige Charaktermängel. Mein Verständnis geht allerdings nicht so weit, dass ich Geduld damit hätte!

Ich sympathisiere hingegen sehr mit dem Auftreten einer mir sehr gut bekannten jungen Frau: Sie sah sich eine Weile mit an, wie ihre Großmutter ihre Mutter tyrannisierte, bis diese am Rand einer Depression entlangschrappte. Eines Tages schnappte sie sich die Oma, setzte sie ins Auto und fuhr mit ihr zu einer Institution, die früher Altersheim hieß, jetzt aber elegant Seniorenresidenz genannt wird. Vor deren Eingang parkte sie und sprach ganz freundlich: „So, ich gehe jetzt eine halbe Stunde spazieren. In der Zeit hast du Gelegenheit, dir zu überlegen, ob du in Zukunft hier wohnen willst oder ob du anders mit Mama umgehen wirst!“ Oma hat’s kapiert, ihr Verhalten geändert und – das habe ich jetzt nicht erfunden, ich schwöre es! – bei einer der Kaffeefahrten, die sie unternahm, um der Mutter ein bisschen Freiraum zukommen zu lassen, einen Verehrer kennengelernt, der sich so gut um sie kümmert, dass alle aufatmen konnten.

Um selbst nicht auf das zufällige Daherkommen eines alten Verehrers angewiesen zu sein, wo man ja auch nie weiß, wie der Gatte das fände, habe ich beschlossen, etwas zu unternehmen, um die eigene Hinfälligkeit möglichst lang hintanzuhalten: Believe it or not, ich habe mich bei einer Muckibude für alte Schachteln angemeldet. GRRRR, das Alter hält wirklich eine Menge Zumutungen für einen bereit… Aber, wie gesagt, never complain!

PS: Das Eingangsbild zeigt selbstverständlich nicht den erstrebten Zielzustand, sondern den Ausgangspunkt! Was haben Sie denn gedacht???

Bild von Neel Shakilov auf Pixabay

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.