Ein trüber Wintermorgen, bei 19° im Arbeitszimmer

Ein trüber Wintermorgen, bei 19° im Arbeitszimmer

Ein trüber Wintermorgen, bei 19° im Arbeitszimmer 846 605

Wie können, wollen, sollen wir durch den Winter kommen? Winter ohne kuschelig warme Wohnzimmer sind wir doch gar nicht mehr gewöhnt. Der Strom kam für die meisten in Deutschland schließlich immer noch einfach aus der Steckdose. Man hatte es mollig-gemütlich und schwärmte von malerischem Winterweiß. 

Wie leicht vergaß man dabei jedoch die leidende Kreatur. Die Naturliebhaber wussten natürlich, dass es für Rehe und – wie hießen noch die anderen aus Feld, Wald und Gebirge? Ach ja, Hirsche und Gämsen und so – stimmt, und für viele Vögel auch, – im Winter eigentlich immer hart war, denn das kannten sie aus den einschlägigen Dokumentationen im Fernsehen (irgendwann hat man einfach genug von den ewigen Krimis, das zu ihrer Entschuldigung). Aber der handelsübliche Stadtbewohner? Für den Natur das ist, was so furchtbar viel Ärger macht, weil immer irgendein Schreihals verlangt, dass man sich darum kümmern soll? Weil sie sonst vor die Hunde geht? (Ruf aus dem Off: Genau, um die Hunde sollte sich mal einer kümmern! Gibt viel zu viele davon, bin gestern wieder fast in einen Haufen getreten, und vorgestern hat in der Nachbarschaft wieder so ein blöder Köter gekläfft. Nachts um halb zehn! Und im Sommer, beim Grillen an diesem lauschigen Plätzchen, nein, Oliver, so lauschig war das gar nicht, weißt du nicht mehr, was das für ein Ärger war, bis wir den Ameisenhügel endlich weg hatten? Unterbrich mich nicht immer! Naja, also, da kam doch auch so ein dämlicher Dackel, dem hab ich aber Beine gemacht – von dem Tritt erholt der sich lange nicht! Was hast du gemacht, du Blödmann?) Da im Off jetzt nur noch gestritten wird, klinken wir uns aus. Der handelsübliche Stadtbewohner, wie gesagt, hatte doch keine Ahnung mehr, dass Winter etwas mit Kälte zu tun hat. 

Man fürchtet übrigens insgeheim, dass viele Menschen, unter ihnen die oben kurz umrissenen Exemplare, sowie etliche Politiker, durch den Winter kommen wie die Maulwürfe. Nein, nicht was Sie denken: Maulwürfe machen mitnichten einen Winterschlaf. Maulwürfe, so haben Forschende des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Konstanz kürzlich herausgefunden, lassen im Winter ihr Gehirn schrumpfen, und zwar um stattliche elf Prozent. Ok, das mag beim Gehirn einiger Politiker in absoluten Zahlen nicht allzuviel sein, aber im Moment fallen mir einige ein, da glaubt man, bei der Gehirnschrumpfung zusehen zu können – ich sage nur, ach nee, ich sag jetzt nichts. Sie haben wahrscheinlich Ihre eigenen Beobachtungen gemacht, z.B. bei den kürzlich erfolgten Parlamentsberatungen und den Auseinandersetzungen darüber, wer mehr zu besteuern sei und wer nicht. 

Und so neu ist die Sache ja auch nicht. Honoré de Balzac (1799-1850) hat in seiner „Physiologie des eleganten Lebens“ geschrieben: „So lange Gesellschaftsformen existieren, war also der Staat naturgemäß und notwendigerweise eine Art Rückversicherungsvertrag, geschlossen zwischen den Reichen gegen die Armen. Der innere Kampf, der die Folge dieser brüderlichen Teilung war, hat in allen zivilisierten Menschen eine umfassende Gier nach Besitz entzündet.“ Von dieser Art der Gehirnschrumpfung, denn was sollte zügellose Gier anderes sein, können wir ja immer noch ein lautes Lied singen. Aber ob wir es so wunderbar ironisch wie Balzac hinkriegen?

Um auf den Maulwurf zurückzukommen: Er ist auch im Tierreich nicht der einzige, der zu dem Mittel der Gehirnschrumpfung greift, die Waldspitzmaus beispielsweise tut es ihm gleich. Der Vorgang wird von der Forschung übrigens „Dehnel-Phänomen“ genannt. Ich bitte dringend darum zu beachten, dass es kein chinesischer oder japanischer Forscher war, der das Phänomen so benannte. Nicht, dass da noch Missverständnisse entstehen.

Mir ist übrigens völlig klar, dass angesichts der lebensbedrohlichen Lage in der Ukraine, in Syrien, in Pakistan, in etlichen afrikanischen Ländern, sowie an zu vielen anderen Orten, meine Behandlung der Frage, wie wir wohl durch den Winter kommen, womöglich leichtfertig, gar frivol rüberkommt. Aber was soll ich machen? Wenn ich jetzt depressiv werde, ist keinem geholfen. Und dann schrumpft womöglich auch noch mein Gehirn: Das Dehnel-Phänomen kann nämlich auch bei Depression zuschlagen, das wiederum haben Forschende der Yale Universität in New Haven herausgefunden. Aber für einen Eintritt in die Politik bin ich definitiv zu alt!

Bild von Wolfgang Inderwies from Pixabay

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