Zeit eilt, heilt, weilt…

Zeit eilt, heilt, weilt…

Zeit eilt, heilt, weilt… 846 605 Alte Schachteln

In ihrem wunderbaren Kommentar sprach Birgit von dem allseits bekannten Phänomen, dass die meisten Menschen sich jünger fühlen, als es ihrem tatsächlichen Alter entspricht. Geht mir natürlich genauso. Das hängt wahrscheinlich noch mit den kindlichen Vorstellungen zusammen, die man sich früher über ältere Menschen gemacht hat, was die alles können – oder nicht mehr können. Und man ist ja doch ganz anders rausgekommen…irgendwie jünger halt.

Aber wenn das Herz jünger ist als Haut und Knochen, kann man schon auch ins Grübeln kommen, wo denn all die Jahre eigentlich geblieben sind, die man angeblich auf dem Buckel hat. Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, mir geht es jedenfalls so, dass ich dann zum Beispiel im Bett liege und denke: „Nein, es ist unmöglich, es kann überhaupt nicht sein, dass ich schon 66 Jahre verlebt habe! Sechsundsechzig Jahre, das ist eine ungeheure Menge an Zeit, so viele waren das noch nicht! Das ist glatt gelogen! Was hätte ich in sechsundsechzig Jahren nicht alles schaffen können – und jetzt guck dir mal meinen Output an! Da stimmt doch was nicht…“ Wir kriegen die vergangenen Jahre und unser persönliches Erleben irgendwie nicht in Übereinstimmung.

Das liegt, denke ich, an dem Phänomen vom Unterschied zwischen Zeit und Dauer. 

Zeit ist eine objektive Geschichte (also relativ, versteht sich, ich will Einstein jetzt nicht ins Handwerk pfuschen, aber bei uns auf der handelsüblichen Erde, ist sie eine leider absolut festgelegte Größe), während Dauer vollkommen subjektiv ist. Gemessen werden unsere Jahre in Zeit, aber was wir tagtäglich erleben ist Dauer – von daher die Diskrepanz. 

Wie subjektiv er- und gelebte Dauer ist, weiß jeder, der sich schon mal gewundert hat, wie lang man in einer Warteschlange stehen muss und wie schnell der Urlaub vorbei war

 Als heißer Tipp für ein langes Leben taugt der Vorschlag, von jetzt an nur noch Unangenehmes zu machen, das sich endlos hinzieht, übrigens nicht. 

Hinterher ist die gefühlte Zeit bei den Tagen, die nur zum Abhaken taugten, nämlich genauso schnell vorbei wie bei den Highlights – im Gegenteil, sogar schneller! Wenn man etwas sehr Schönes macht, sagen wir ein verlängertes Wochenende in Paris mit Besuch der Opéra Garnier, hat man danach doch den Eindruck, viel länger als nur vier Tage dort gewesen zu sein. Und wie rast der Alltagstrott an einem vorbei!

Es lohnt sich also unter allen Umständen, die Tage mit Freude und schönen neuen Erfahrungen anzufüllen.

Aber wem sage ich das, wenn das einer weiß, dann wir alten Schachteln! 

Dass für Kinder nochmal ganz andere Zeitmaßstäbe gelten, hat mir kürzlich meine zehnjährige Enkelin vor Augen geführt. Sie wollte wissen, was es mit dem Erben auf sich hat, und im Zuge dessen auch, was sie und die anderen Familienmitglieder dann von Großpapa und Großmama erben. Vollkommen unbefangen überlegte sie auch laut, was sie gern hätte, bis ich schließlich meinte: „Naja, aber wir wollen doch mal hoffen, dass der Erbfall nicht so bald eintritt.“ Woraufhin sie mit einer wegwerfenden Handbewegung großzügig befand: „Ja, ihr könnt ja locker noch zehn Jahre leben!“ Ich muss jetzt noch lachen, wenn ich daran denke.

Aber klar, für sie sind zehn Jahre ihr ganzes Leben, also eine schier endlose Zeit. Sie kann noch gar nicht verstehen, dass man auch ohne akute Angst vor dem Tod mentalen Schluckauf bekommt bei dem Gedanken, wie verdammt schnell die letzten zehn Jahre rum waren…oder, wenn wir schon davon sprechen, die letzten zwanzig…

Schon das nächste Paris-Wochenende gebucht?