Ein typisches Frauenproblem

Ein typisches Frauenproblem

Ein typisches Frauenproblem 1000 715 Alte Schachteln

Bei meinem letzten Beitrag über Zeit und Dauer habe ich einen wesentlichen Punkt vergessen. Ich habe das Vergessen vergessen. Nachdem der Beitrag schon fertig und abgeschickt war, ist mir gedämmert, dass einem die vergangenen Jahre und Jahrzehnte natürlich auch deshalb von so kurzer Dauer erscheinen, weil man so unglaublich viel vergessen hat, was die Zeit im Rückblick erheblich schrumpfen lässt. 

Ich will über das Vergessen als solches jetzt gar nichts weiter sagen, aber doch etwas über meinen Umgang damit, als mir plötzlich klar wurde, dass ich einen Fehler gemacht habe, dass mir dieser wesentlichen Umstand beim Schreiben einfach nicht in den Sinn kam.

Ich habe einen Fehler gemacht – und den nächsten Satz müssen Sie sich als lauten Entsetzens- Schrei vorstellen:

Ich bin nicht perfekt

So viel habe ich in den Büchern, die ich gemeinsam mit Ulrich gemacht habe, über den Perfekt-Antreiber geschrieben. Ich bin mit dem sozusagen per Du. Ich weiß genau, was es mit dem und den anderen Antreibern auf sich hat und ich gab, gemeinsam mit Ulrich versteht sich, die hilfreichsten praktischen Anregungen, die man sich nur vorstellen kann, wie man seine Antreiber im Zaum hält. Normalerweise denke ich überhaupt nicht darüber nach, dass ich Antreiber habe und welche das sind. Normalerweise, welch ein Irrtum, fühle ich mich entspannt und Antreiber-frei.

Und dann mache ich einen Fehler –  bei etwas, das mir wirklich am Herzen liegt, und ich stelle sofort in Frage, ob ich kompetent bin, für das, was ich da tue. Es war ein so kleiner Fehler, echt nicht der Rede wert, niemand ist gestorben, niemand hat sich ein Bein gebrochen, kein Zug ist entgleist, keine Familie in den Untergang geschlittert, trotzdem hat es mich beschäftigt. Über Gebühr beschäftigt, denke ich. Da ging mir auf, was das größte Problem der Frauen ist:

Das größte Problem der Frauen ist zu glauben, sie seien nicht gut genug!

Ich will gar nicht sagen, dass es nicht auch viele Männer gibt, die von Selbstzweifeln geplagt werden, natürlich gibt es die, fragen Sie den Coach Ihres Vertrauens. Aber bei Frauen scheint es sozusagen zur Grundausstattung zu gehören. Ein Mann, dessen Namen und auch alles andere über ihn ich vergessen habe, ist mir mit einer Aussage im Gedächtnis haften geblieben. Er sagte, er wisse genau, was Frauen wollen: „Frauen wollen mehr!“ Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen gemacht. 

Die Sache ist nämlich die: 

Frauen wollen hauptsächlich mehr von sich selbst. 

Keine neue Erkenntnis! Aber, dass man immer wieder in diese Falle läuft, selbst wenn man sie kennt, woran liegt das? An den gesellschaftlichen Erwartungen? Unserer genetischen Ausstattung? Womöglich einem genetischen Defekt? An einem tradierten Rollenverständnis? An der Erziehung? Aber nun nehmen Sie mich: Aufgewachsen mit einem Vater, der immer betont hat, es gebe nichts, was eine Frau nicht könne. Der mir immer gepredigt hat, am besten nicht zu heiraten und schon gar keine Kinder zu kriegen, sondern Karriere zu machen. Aber was war das Ende vom Lied? Mit achtzehn habe ich geheiratet und mit siebenundzwanzig hatte ich drei Kinder, Karriere war weit und breit keine in Sicht. Und jetzt sitze ich da und gräme mich, weil ich nicht perfekt bin…

Kann man etwas dagegen tun?

Fragen über Fragen… Die Antwort lautet ja! ich stehe jetzt dazu. In diesem Zusammenhang und aus gegebenem Anlass also eine Warnung: Erwarten Sie keine Perfektion von mir – ich glaube, ich schaffe es einfach nicht. Selbstverständlich werde ich mich ständig bemühen, Ihnen das Beste zu bieten, was ich im Angebot habe. Mich ansonsten aber an das wunderbare Zitat des Video-Künstlers Nam June Paik halten: „Not too perfect, sonst der liebe Gott böse!“ Wenigstens das haben wir doch vermieden.

Bild von Jochen Schaft auf Pixabay
4 Kommentare
  • Dazu kann ich garnichts sagen, da ich keinerlei Problem verspüre. Ich bin nicht perfekt, was heisst das schon? Ich bin so wie ich bin und ich mag mich so. Was Andere über mich denken, ist mir sehr egal. Ich liebe meine Arbeit, welche meine Fantasie braucht und davon habe ich reichlich. Über das Alter denke ich nicht nach, habe das verdammte Glück gesund zu sein, so idt das Alter tatsächlich, wie man so manchmal hört, nur eine Zahl.
    Zuviel über das Alter nachzudenken, halte ich für überflüssig, da gibt es wichtigere Dinge, auch Schönere und Interessantere.
    Tatsächlich ist Gesundheit und fie Freude am Leben ein großes Geschenk, das man behüten soll.

    • Liebe Felicitas, ganz herzlichen Dank für den Kommentar und dass Sie doch etwas gesagt haben! Ich finde Ihre innere Haltung zu sich sehr bewunderungswürdig. Es ist wunderbar, wenn man so uneingeschränkt zu sich selbst stehen kann. diese Gabe hat leider nicht jeder. Ich weiß, dass ich sie nicht habe – aber ich arbeite daran. Zu viel über das Alter nachzudenken ist wahrscheinlich, da haben Sie Recht, von Übel, wie jedes Zuviel von Übel ist. Aber sich mit dem Alter auseinanderzusetzen halte ich doch auch für eine wertvolle Übung, um sich über die eigenen Prioritäten, die Werte, die Sehnsüchte, vielleicht auch das (noch) Unerledigte Klarheit zu verschaffen – vielleicht auch, um festzustellen, dass so manches, dass man ganz gewohnheitsmäßig über sich selbst seit Jahren glaubt, geändert hat. Und gegen Gesundheit und Lebensfreude ist eh nichts einzuwenden. Aber wir wollen bei den alten Schachteln auf gar keinen Fall immer nur vom Alter reden – es wird im Laufe der Zeit eine Vielfalt von Themen geben, mal schauen, was mir so alles in den Sinn kommt. Und was von den Leserinnen und Lesern beigesteuert wird.

  • Liebe alte Schachteln, von denen ich offenbar nur eine kenne, und die „duze“ ich auch noch. Ist das gegen die Regel?
    Ich bin wahrscheinlich wie immer die älteste im Verein und frage mich, wie das kommt, dass ich immer mit jüngeren Menschen zu tun habe. Wahrscheinlich liegt es an meiner Abneigung, über die Beschwerden den Alters zu reden, ja sie überhaupt wahrzunehmen. Allerdings stelle ich fest, dass ich gar nicht korrigieren kann, was ich da schreibe, weil meine Augen für diese kleine Schrift nicht mehr taugen. Genug davon!

    Ach, ich habe mich wahrscheinlich längst an all meine Unzulänglichkeiten gewöhnt. Ich versuche einfach, mich ein bisschen einzubringen, um der Gesellschaft noch ein wenig nützlich zu sein und gleichzeitig mein schönes Leben (Glück gehabt, wenn auch nicht ohne Rückschläge) in dieser herrlichen Umgebung und mit meiner Familie zu genießen.
    Einen Anspruch darauf, perfekt zu sein, hatte ich noch nie . Das war ein Versäumnis meiner Mutter, schätze ich. So finde ich auch gleich den Schuldigen für mein „Versagen“.

    • Liebe Brigitte, vielen Dank für deinen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe! Was das Duzen betrifft: wäre ja merkwürdig, wenn wir jetzt anfangen würden uns zu siezen, oder? Außerdem ist fast immer das, was ich schreibe, cum grano salis zu nehmen…
      Du bist übrigens keineswegs die älteste Schachtel in unserem Verein, ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass es mindestens zwei ältere gibt. Und ich finde es wunderbar, dass du schreibst, dich an deine Unzulänglichkeiten gewöhnt und keinen Anspruch an Perfektion zu haben.“Eigentlich“ habe ich den auch nicht – und dann merke ich, dass ein Fehler bei etwas, an dem mir viel liegt, mir doch sehr viel ausmacht. Da existiert noch eine gewisse Lücke zwischen Theorie und Praxis, aber wenn nicht, wäre es ja auch wieder zu perfekt.