Schreiben Sie doch mal einen Krimi!

Schreiben Sie doch mal einen Krimi!

Schreiben Sie doch mal einen Krimi! 1000 715 Alte Schachteln

Sie haben keine Ahnung, wie man einen Krimi schreibt? Macht nichts, ich kann Ihnen da weiterhelfen. Ich persönlich habe zwar absolut keine Lust, einen Krimi zu schreiben, aber ich kann eine 1A- Anleitung zum Verfassen eines solchen Werkes liefern. Wenn Sie sich genau an die Vorgaben halten, ist das Erscheinen auf der Bestseller-Liste garantiert! Keine Angst, es geht auch ganz einfach:

  • Stellen Sie sicher, dass auf jeden Fall mindestens drei Frauen, nach Gusto auch mehr, vergewaltigt werden
  • Kinder-Schändung , -Missbrauch, -Misshandlung muss ebenfalls zwingend vorkommen
  • Schildern Sie alles so, dass Ihnen schier schon beim Schreiben das Frühstück wieder hochkommt
  • Lassen Sie die Morde (ich wähle absichtlich den Plural, denn einer allein schafft es nie im Leben auf die Bestseller-Liste) auf die grausamste, gruseligste, ekelhafteste Art erfolgen, die Sie sich nur vorstellen können, Ihr Frühstück ist ja eh bereits, na Sie wissen schon
  • Entscheiden Sie sich entweder für einen Kommissar, der eine komplette Macke, eine geschiedene Ehe und ein Kindheitstrauma hat oder
  • Für eine Detektivin, die eine komplette Macke, eine geschiedene Ehe, ein desaströses Sexualleben und ein Kindheitstrauma hat
  • Stellen Sie den Weg, der dazu führt, dass der Bösewicht, ganz avantgardistisch ab und zu auch die Bösewichtin, zur Strecke gebracht wird, so hanebüchen, unlogisch und unrealistisch dar, dass jeder Kritiker Sie für genial erklärt
  • Streuen Sie möglichst viele falsch verstandene Fachbegriffe ein, sodass auch dem letzten Trottel klar wird, wie psychologisch fein gezeichnet Ihre Charaktere sind
  • Ganz wichtig, schildern Sie seitenlange Verfolgungsjagden, die zwar stinklangweilig sind, denn da das Buch noch zweihundert Seiten weitergeht, kann man sich, gewitzt wie man ist, an einer Hand abzählen, dass Kommissar/Detektivin  die Sache siegreich übersteht, doch mit den detaillierten Ortsangaben, inklusive Straßennamen und Aufzählung der Löcher im Trottoir, erhält Ihr Buch „atmosphärische Dichte“ – und was immer das sein mag, die Kritiker lieben es.

Wenn Sie all das beherzigen, sollte es eigentlich klappen. Sie können auch versuchen, das als Drehbuch für einen Fernsehkrimi zu verkaufen – ich denke, da haben Sie auch ausgezeichnete Chancen! 

Aber ich will nicht immer nur meckern, es gibt schließlich auch Lichtblicke! Nun also zu einem echt witzigen, lohnenswerten und intelligenten Gegenbeispiel: „Achtsam morden“ von Karsten Dusse. Ich habe während der Lektüre die ganze Zeit eigentlich nur gekichert, kann man sich ja ab und zu gönnen, als Erholung für all die literarisch, wissenschaftlich, künstlerisch oder sonstwie wertvollen Sachen, die man selbstverständlich sonst ständig liest.

Wenn Krimis nicht so Ihr Genre sind, ich habe auch eine Anleitung zum Verfassen historischer Romane, etwa im Stil der ebenfalls zum Bestseller gewordenen, unsäglichen „Wanderhure“ :

  • Legen Sie sich ein Sammelsurium aller möglichen unangenehmen, ekelerregenden, widerlichen Gerüche zu und beschreiben Sie sie mit glühenden Worten
  • Schildern Sie soziale Zustände, die jeder Beschreibung spotten, das Elend der ganzen Welt sollte von Ihnen mindesten dreifach überboten werden
  • Ein paar Vergewaltigungen, Kindesmisshandlungen, Mutterschändungen und Vatermorde schaden auch nicht
  • Als Non-plus-ultra dürfen deftige Sex-Szenen, die mit viel Schmackes und äußerst kuriosen Ausdrücken für die jeweiligen Sexualorgane ausgeschmückt werden, nicht fehlen – ich empfehle etwa alle fünfzig Seiten eine
  • Wenn Sie ganz raffiniert sind, fügen Sie ein paar tatsächlich existiert habende historische Persönlichkeiten dazu
  • Lassen Sie Held, respektive Heldin die unmenschlichsten Qualen erdulden, von denen schon die Hälfte genügen würde, einen umzubringen, um ihn oder sie schließlich ohne Schrammen unter die langersehnte Haube zu bringen.

Ich glaube nicht, dass viel schiefgehen kann, wenn Sie nach diesem erprobten Rezept arbeiten. Überweisen Sie zehn Prozent der erzielten Tantiemen einfach auf mein Konto, vielen Dank!

Aber ich will mich auch bei den historischen Romanen nicht lumpen lassen und verraten, welchen ich wirklich großartig fand. Leider ist er schon ziemlich alt, aber ich denke, man kann ihn sich noch beschaffen. „Sarum“ von Edward Rutherford war einer der besten historischen Romane, die ich je gelesen habe.

Zusatznutzen: Wenn Sie beide Anleitungen geschickt ineinander verweben, kommt auch noch ein „historischer Kriminalroman“, im Moment ebenfalls sehr beliebt, dabei heraus. Ach, und was den Schreibstil betrifft, machen Sie sich keine Sorgen, der ist sowieso bei den meisten dieser Erzeugnisse non-existent.

Ich selbst bin eher auf dem Non-Fiction-Sektor unterwegs. 

Für unseren Newsletter habe ich mal einen Ratgeber für Eltern geschrieben, der es leider nie auf die Bestsellerlisten gebracht hat, aber ich will ihn Ihnen nicht vorenthalten:

 

1. Hauptkapitel: Die Schreiphase

Das erste Hauptkapitel widmet sich der Lebensphase zwischen null und etwa zweieinhalb Jahren. Das Kind brüllt, aber nehmen Sie ihm das nicht übel, es ist noch nicht fähig, sich zivilisiert auszudrücken. Es brüllt entweder, weil es Hunger hat, weil es Durst hat, weil es die Windeln vollgeschissen hat, weil ihm ein übler Wind durchs Gedärm weht oder aus einem anderen Grund. Machen Sie kein Gedöns, sondern tun Sie, was Sie können und trösten Sie sich damit, dass diese Phase vorbeigeht.

 

2. Hauptkapitel: Die Schreiphase

Dieser Abschnitt des Buches behandelt die Phase zwischen zweieinhalb und etwa sechs Jahren. Das Kind brüllt, aber nehmen Sie ihm das nicht übel, es kann noch nicht schreiben. Es brüllt entweder, weil Sie seinen Zorn erregt haben oder weil jemand anderes seinen Zorn erregt hat. Sie haben seinen Zorn entweder erregt, weil Sie ihm viiiiel zu wenig Schokolade gönnen, weil Sie es immer dann ins Bett schicken, wenn es soooo schön spielt, weil Sie es aus dem Schwimmbecken ziehen, da seine ins blau-lila changierende Hautfarbe Ihnen Angst macht, weil Sie es nicht Fernsehen lassen oder weil Sie Ihr Handy oder Tablet jetzt wieder selbst haben wollen. Machen Sie kein Gedöns, sondern geben Sie manchmal nach und manchmal nicht, je nachdem, was Ihre Nerven gerade verkraften und trösten Sie sich damit, dass diese Phase vorbeigeht.

 

3. Hauptkapitel: Die Schreiphase

In dieser dritten Abteilung nehmen wir uns die Phase zwischen sechs und zwölf Jahren vor. Das Kind brüllt, aber nehmen Sie ihm das nicht übel, starke Stimmbänder brauchen starkes Training – und Ihr Kind soll sich doch mal durchsetzen können im Leben. Es brüllt entweder, weil Sie die blödesten, die strengsten, die ganz und gar unmöglichsten Eltern der ganzen Schule sind, oder weil es überhaupt nicht einsieht, weshalb es sein Zimmer aufräumen, dauernd seine Hände waschen, die dreckigen Jeans nicht mehr anziehen oder gar Hausaufgaben machen soll. Machen Sie kein Gedöns, schreien Sie nur gelegentlich zurück, drohen Sie ihm nie mit Hausarrest oder Entzug des Taschengelds, sondern lassen Sie sich von anderen Eltern deren noch viel schlimmeren Stories erzählen. Eltern, die Sie gleichzeitig zu Ihrem wohlerzogenen Nachwuchs beglückwünschen! Denken Sie daran, wie Ihre Kleine, als sie gerade mal nicht brüllte, gesagt hat, wie unmöglich Viola ist: „Die benimmt sich bei anderen so, wie man das bloß zu Hause macht!“ Also seien Sie stolz auf Ihr Kind, das sich nur zu Hause schlecht aufführt, und trösten Sie sich damit, dass diese Phase vorbeigeht.

 

4. Hauptkapitel: Die Schreiphase

Im vierten Hauptteil des Buches befassen wir uns mit der Lebensphase zwischen zwölf und sechzehn Jahren. Das Kind brüllt, aber nehmen Sie ihm das nicht übel, denn sein Hirn ist hormonell bedingt temporär ausgefallen. Und Sie wissen ja, wo kein Hirn ist, wird eigentlich immer gebrüllt. Das Kind steckt mitten in der Pubertät – das ist für alle Betroffenen eine schreckliche Belastung und der ganze Stress, der durch den hormonellen Umbau ausgelöst wird, muss ja irgendwo raus. Dass Sie blöd, streng, unmöglich und peinlich sind, ist Ihnen inzwischen eh bekannt, und dass Maria, Pascal, Leo und Anton sowieso viel länger auf jede Party dürfen, darüber kann man sich einfach nur schreiend beklagen, ist doch klar, oder? Also machen Sie kein Gedöns, erinnern Sie sich, wie Sie in dem Alter waren und erlauben Sie so viel, wie Sie es gerade noch vor Ihrem Gewissen verantworten können. Den Rest sitzen Sie aus und trösten sich mit dem Gedanken, dass diese Phase vorbeigeht.

 

Anhang

Die Schreiphase

Das Kind brüllt ins Telefon: „Mama, ich bin am Ende mit meinen Nerven! Das Baby hat die ganze Nacht gebrüllt, ich bin fix und fertig. Kannst du vorbeikommen?“ Sie machen kein Gedöns, sondern lassen alles stehen und liegen, kommen auf der Stelle vorbei, nehmen ganz entspannt das schreiende Baby auf den Arm, das daraufhin augenblicklich in Tiefschlaf fällt und trösten Ihr Kind: „Ist alles kein Problem, Schatz, das geht vorbei!

Auch wenn Sie als alte Schachtel dies alles bereits hinter sich haben, kennen Sie vielleicht jemanden, den Sie damit trösten können, dass alle Phasen im Leben am schnellsten vorbei gehen, wenn man kein Gedöns macht.

Bild von WikimediaImages auf Pixabay
2 Kommentare
  • Gibt es eigentlich auch Krimis, in denen die Hauptpersonen alte Schachteln sind? Wäre das nicht eine Marktlücke? Bei der Altersarmut von vielen Frauen unserer Generation wäre doch Raub, Erpressung, Drogendealerinnen usw. mehr als angesagt, oder?
    In Presse, Funk und Fernsehen ist immer nur die Rede von alten Schachteln in schlecht bezahlten Mini-Jobs zur Rentenaufbesserung. Wie profan. Da müßte doch mehr gehen.
    Vielleicht haben die LeserInnen dieses Blogs ein paar Anregungen über wirkungsvollere Methoden. Nicht wünschenswert wäre allerdings, die verbleibenden Restjahre im Gefängnis verbringen zu müssen. Also die todsichere Methode.
    Wäre auch einmal eine neue Krimivariante: Der unaufgeklärte Fall!

    • Bei Krimi und alten Schachteln fällt mir spontan nur die gute alte Miss Marple ein, die ja aber nicht der Bösewicht war. Als criminal masterminds sind alte Schachteln bisher nicht so hervorgetreten, außer man denkt an Maggie Thatcher, Marine Le Pen oder Beatrix von Storch – obwohl, bei näherem Nachdenken nehme ich das mit dem mastermind zurück…