Wer ohne Tadel ist…

Wer ohne Tadel ist…

Wer ohne Tadel ist… 846 605 Alte Schachteln

Man ärgert sich über sie, findet sie manchmal unverzeihlich, wenn man Glück hat, kann man darüber lachen und kein Tag vergeht ohne sie. Fehler! Man hasst sie an anderen und noch mehr an sich selbst. Der menschliche Umgang mit Fehlern ist ein konfliktbehaftetes Thema, kennt man seit Menschengedenken, nicht umsonst gibt es in der Bibel die Story mit dem Span, respektive dem Balken im Auge. 

Kürzlich bin ich in einem ganz anderen Kontext auf die Fehlergeschichte gestoßen. Beim Aufräumen eines Bücherregals fiel mir ein Buch in die Hände, wie es vor zwanzig oder dreißig Jahren mal in bestimmten Kreisen schwer im Schwange war. Offenbar bewegte ich mich auch im Dunst dieser Kreise, daher der Aufenthalt des Buches in meinem Regal. Dass ich es damals gelesen hätte, glaube ich nicht, es wirkte so unberührt wie Maria bei der Verkündigung. Das Buch ist von Herrn Tsunemoto Yamamoto, seines Zeichens Samurai aus dem 17. Jahrhundert und er beschreibt darin die allgemeingültigen Regeln für den Weg des Samurai. 

Ich wollte dem Buch die Demütigung ersparen, zeit seines Lebens von mir niemals die ihm gebührende Beachtung zu finden, also sah ich rein. Die meisten dieser Regeln verstehe ich nicht einmal, nur so viel, denn das steht auf jeder zweiten Seite, dass man allzeit bereit sein sollte, sich mit den eigenen Ess-Stäbchen zu erdolchen, wenn die Situation, respektive der Fürst oder die eigene Ehre es erfordern. Die eigene Ehre ist bei Samurais zu Hause etwas noch Unverständlicheres als die dazugehörigen Regeln, also könnte es gut sein, dass ich eigentlich mein dreißigstes Jahr nicht hätte erleben dürfen, geschweige denn mein sechzigstes. Aber wie auch immer, da ich zum Glück noch nie gut mit Stäbchen umgehen konnte, bin ich noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. Das hat mich sehr beruhigt. Eine der aufgezählten Regeln fand ich jedoch echt bemerkenswert, da schreibt Herr Tsunemoto Yamamoto nämlich

 „Einem Mann, der nie einen Fehler machte, kann man nicht trauen!“ 

Das enthält für mich sehr viel mehr praktischen Nährwert als zum Beispiel „Bewege Himmel und Erde“ oder eben, wie schon erwähnt „Sei fest entschlossen, für den Fürsten zu sterben“. Ich finde, dass kann Angela nicht von mir verlangen! Andererseits besitzt der Ratschlag „Zögere nicht, den Fürsten um finanzielle Hilfe zu bitten“ einen gewissen Charme. Keine Ahnung, wie die Kanzlerin darauf reagieren würde, aber ich fürchte, eher abschlägig.
Naja, wie dem auch sei, kommen wir auf mein Thema zurück. 

Ich finde Fehler!

So nackt und bloß dahin geschrieben, wirft das möglicherweise ein eher zweifelhaftes Licht auf meinen Charakter. Ich gebe zu, es hat einen leichten Anflug von Besserwisserei. Aber was kann ich denn dafür: Ich finde die Fehler nun mal – also nicht unbedingt meine eigenen, leider! Es ist meine Freundin Luitgard, die in jedem meiner Texte die findet, die ich übersehen habe. Ihr sei noch einmal heißer Dank dafür! So auch den, dass ich im letzten Beitrag vergessen habe zu erwähnen, dass das Porträt von Harry Graf Kessler von Munch gemalt wurde. Wer ohne Tadel ist, der werfe das erste Reisbällchen…

Rechts sehen Sie einen Baum, hinten eine Kirchturmspitze

Also, ich finde Fehler, zum Beispiel im Plot eines Krimis, oder in den manchmal wirklich ätzenden und überflüssigen Beiträgen des Audio-Guides im Museum. Da steht man zum Beispiel vor dem Bild eines Baumes, das groß und deutlich mit 1846 oder so vom Künstler datiert ist und der Audio-Guide erzählt einem etwas vom Bild von 1848, auf dem ein Baum zu sehen ist. Statt etwas wirklich Interessantes mitzuteilen, betet einem der Guide vor, was man sowieso mit eigenen Augen sieht und dann auch noch mit falschem Datum. Nervig! Oder ist das für die wenigen Blinden, die sich in eine Gemäldegalerie verirren? Aber warum dann den Audio-Guide an alle verteilen?

Was ich noch finde, sind die Fehler, die Journalisten beim Konjugieren deutscher Verben machen. Es ist herzzerreißend! Wenn ich zum Beispiel in der Zeitung lesen muss, dass jemanden seine Ahnung nicht getrügt hat, muss ich zugeben, dass ich darüber sehr betroben bin. Dabei hätte es doch sicher gehelft, wenn der Autor bedenkt hätte, was man ihm in der Schule beigebringt hat. Aber gang ja offenbar nicht!

Oder folgendes aus einem Artikel über den Sternenhimmel: „Aus alldem schließen die Forscher, dass der rote Riesenstern am Ende seines Lebens angekommen ist und eines Tages als Supernova explodieren wird. Wann genau Beteigeuze berstet, weiß niemand!“ Aber Mythen und Legenden werden doch darob ganz gewiss geflechtet, glauben Sie nicht?

Auch der Zusammenhang zwischen „sich etwas verbeten haben“ oder „sie verbat es sich“ und „Ich verbitte mir solche kleinkarierten Kritteleien“ ist vielen Zeitungsschreibern nicht geläufig, weshalb man auch immer wieder mit dem Versuch der Genannten konfrontiert wird, sich etwas erbeten zu wollen. Glaub nicht, dass sie damit viel Glück haben… Der liebe Gott ist doch nicht der Weihnachtsmann, das verbetet er sich aber aufs Entschiedenste!

Überhaupt, der Umgang mit der deutschen Sprache, da lauern Fehler an jeder Ecke. Warum outet sich plötzlich ein Journalist als behindertenfeindlich? Oder wie würden Sie das verstehen, wenn unter der Überschrift „Nach Verzögerungen ist der Bahnhof barrierefrei“ steht „Etwas früher als befürchtet können Bahnfahrende in Petershausen über die Außengleise einsteigen.“ Diese Formulierung hätte ich jedenfalls nicht erwartet, weder früher noch später. In einer Todesanzeige, dafür können die Journalisten nun nichts, las ich auch mal „Unser lieber Vater hat uns unverhofft früh verlassen“. Diese Hinterbliebenen nennt man dann wohl lachende Erben.

Mein Charakterfehler

Selbst mir nahestehende Menschen, die ich jetzt namentlich nicht näher benennen will, und die es aufgrund jahrzehntelanger Kenntnis meiner Person eigentlich besser wissen müssten, diese Nicht- Besserwisser, unterstellen mir manchmal wegen oben genannter Fähigkeit, die ich besitze, und für die ich mich noch nicht einmal geniere, eine gewisse Oberlehrer-Mentalität. Ein Charakterfehler, ich sehe es ein, den ich hiermit jedoch voll tiefer Reue zugebe – womit ich mich hoffentlich, ganz im Sinne eines jeden Samurai, als Ihres Vertrauens würdig erwiesen haben möge!

PS. Für die Besserwisser unter Ihnen: Selbstverständlich ist mir bewusst, dass der Samurai mit Stil allzeit nach Möglichkeiten Ausschau hielt, Seppuku zu begehen – aber das wäre mit meinen Küchenmessern auch nicht besser zu machen als mit den Ess-Stäbchen.

PPS. In diesen hässlichen Zeiten tut es gut, etwas Schönes zu sehen, außerdem tut es gut, etwas Gutes zu tun – vielleicht auch, sich etwas Gutes zu tun. Ich habe da drei Vorschläge:

Lieben Sie wunderschönen, handgearbeiteten Schmuck? Schauen Sie sich doch einmal folgende Homepage an  www.luitgard-korte.de 

Haben Sie etwas übrig für Mosaike? Dann macht Ihnen bestimmt Freude, was Sie hier auf der Seite von Bruno Rodi, der in Konstanz eine Werkstatt betreibt, finden können www.mosaikhandwerk.de

Sie wollen den kleinen Buchhändlern eine Chance gönnen? Eine der nettesten Buchhandlungen, die man sich vorstellen kann, ist die „Schwarze Geiß“, die Bücher selbstverständlich auch verschickt. Die Adresse ist geiss.de

Wenn Sie selbst einen kleinen Laden betreiben oder kennen, eine Werkstatt oder ein Atelier, für die es im Moment schwer ist, über die Runden zu kommen, schreiben Sie mir! Ein bisschen Werbung mag vielleicht helfen und ich veröffentliche die Homepages gern auf diesem Blog.

4 Kommentare
  • Kannst Du Dich noch an den Pabst erinnern? Werde ich nie vergessen, wie mir das peinlich war.
    Ja, ich verstehe Dich nur zu gut, mir stechen die Verbrechen an unserer Sprache auch immer ins Herz.
    Nichtsdestotrotz habe ich größten Spaß an Deinem Absatz 7 – wunderbar! und sonstigen Verballhörnern.
    Liebste Grüße aus dem unheimlich stillen, heiligen Köln

    • Liebe Luitgard, vielen Dank für deinen Kommentar, er hat mich zweierlei gelehrt. Erstens, es stimmt, dass Perfektionisten wie wir die eigenen, uns bewussten Fehler sehr viel ernster nehmen als der Rest der Welt. Nein, an die Story mit dem „Pabst“ habe ich zum letzten Mal gedacht, fünf Minuten, nachdem sie passiert war. Zweitens, mir scheint jetzt auf der Hand zu liegen, dass die Parabel vom Span und vom Balken sich auf die Fehler bezieht, die uns nicht bewusst sind, wahrscheinlich, weil wir sie gar nicht wahrhaben wollen. Es gibt Fehler, die wir großmütig jederzeit eingestehen, und es gibt welche, die uns „unterstellt“ werden, gegen die wir uns mit Händen und Füßen wehren, obwohl vielleicht die gesamte Umgebung Bescheid weiß. Ach Gott, der Mensch mit seinem Widerspruch, ein ewiges Rätsel…

  • Brigitte Wächtler März 24, 2020 um 3:48 pm

    Ach, wie mir Dein letzter Blog guttut! Ich komme ja aus dem Rheinland und dort (ich glaube, hier habe ich es noch nicht gehört). Jedenfalls wird im Rheinland die Wäsche oder der Mantel aufgehangen und nicht aufgehängt. Brrrr!
    Was mich allerdings auch verstört, und das ist wohl anerkanntes Hochdeutsch: ein Mensch stirbt nicht, sondern er verstirbt. Ist das vornehmer als bloßes Sterben? Für mich schwingt in dem Wort versterben immer ein bisschen ein Irrtum mit, wie: ich habe mich vertan, verlegen, versehen etc. Natürlich ist man ja auch verheiratet, verbunden usw. da gilt diese Annahme ja nicht. Wahrscheinlich ist das eine sehr persönliche Auffassung, aber ich frage mich trotzdem, warum jemand nicht einfach am Ende seines Lebens sterben kann.
    Na ja, genug der Erbsenzählerei. Herzliche Grüße

    • Liebe Brigitte, wahrscheinlich muss man versterben, damit alle Anverwandten angemessen ihre Trauer zum Ausdruck bringen können, wenn man schlicht stirbt, sind nur die Verwandten da, um zu jammern und zu klagen…