Siezen, Duzen, Gendern – Sprache ist nicht egal

Siezen, Duzen, Gendern – Sprache ist nicht egal

Siezen, Duzen, Gendern – Sprache ist nicht egal 846 605 Alte Schachteln

Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass ich Sie sieze. Ich mache das nicht aus Gewohnheit, weil ich, als ich irgendwann zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Erfindung des Automobils geboren wurde, es so gelernt habe. Ich mache es bewusst und mit voller Absicht. 

Ich finde das Siezen elegant und kultiviert! 

Deshalb gefällt mir auch nicht besonders, andauernd von mir vollkommen fremden Menschen, die darüber hinaus hundert Jahre jünger sind als ich, geduzt zu werden. Dass eine Sprache die wunderbare Möglichkeit bietet, einfach und graziös nur über die Ansprache eine gewisse Nähe oder Distanz herzustellen, ist in meinen Augen ein echter Vorteil, den man nicht leichtfertig aufgeben sollte. Im Englischen zum Beispiel müssen die Menschen zu sehr viel Förmlichkeit greifen, um Distanz, aber auch um hierarchisches Gefälle deutlich zu machen. Nun könnte man einwenden, dass hierarchisches Gefälle in einer demokratischen Gesellschaft eh nichts mehr zu suchen haben sollte. Erzählen Sie das mal Ihrem Bereichsleiter, wenn er anderer Meinung ist als Sie! 

Ich bin die erste auf der Barrikade, wenn es darum geht, Klassenschranken niederzureißen

Aber nur mal so dahingefragt, wo gibt es wohl mehr Klassenbewusstsein, mehr Klassendenken, in England oder in Deutschland? Die Anrede „Madam“ oder „Sir“, auf die Vorgesetzte häufig so viel Wert legen – eine solche Entsprechung gibt es bei uns gar nicht. Brauchen wir auch nicht, denn uns genügt eine „Frau Schmitt“ oder ein „Herr Meier“, weil wir uns siezen können. Oder nehmen Sie Japan. In Japan herrscht ein sehr viel größerer Formalismus im Umgang miteinander und ganz besonders im Umgang zwischen hierarchisch höher und tiefer Stehenden als bei uns. Meine bescheidene Meinung ist, dass ein Grund dafür im Fehlen der Möglichkeit, zwischen du und Sie zu unterscheiden, zu suchen ist.

Mir ist es im Grunde wurscht, ob die Verkäuferin mich duzt oder siezt, ich sehe darin weder eine Herabwürdigung meiner Person, noch eine Aufwertung („Huch, wie schmeichelhaft, der junge Mann hält mich für gleichaltrig!“), darum geht es mir nicht. 

Aber mehr als bedauerlich finde ich die Verarmung der sprachlichen Möglichkeiten. 

Von diesen sprachlichen Möglichkeiten machen allerdings junge Leute ohnehin reichlich wenig Gebrauch. Eine von zwei jungen Frauen, hinter denen ich herging, erzählte der anderen über Minuten hinweg von irgendeiner Begegnung, die sie emotional ziemlich mitgenommen hatte. Das klang folgendermaßen: „Und dann er so… und dann ich so… und dann er so… und dann ich so…und dann sie so“ und dann immer weiter so, bis in Ewigkeit, Amen. Ich musste irgendwann abbiegen, bevor ich den Höhepunkt dieses aufwühlenden Berichtes mitanhören konnte.

Gesegnet sei die Fähigkeit, sich differenziert auszudrücken. 

Welche Anekdote mich jedoch sofort und ohne mühsam einen mehr oder weniger gelungenen Übergang zu suchen, auf ein ebenso vertracktes Thema bringt: Nämlich die sprachlichen Möglichkeiten, die man nicht hat. Den Engländern mangelt es an einer Unterscheidung zwischen dem „you“ für den Freund und dem „you“ für die „Madam“ (Ich denke immer gern an den alten Witz „May I say you to you?“). Aber dafür haben sie, kurioser Weise gerade  aus einer Beschränkung heraus, Möglichkeiten, die uns leider fehlen. A friend is a friend und es erschließt sich erst aus dem Kontext oder wenn ein Name genannt wird, ob es sich dabei um eine Freundin oder einen Freund handelt. Jeder Englischsprechende nimmt es für selbstverständlich, dass sich hinter professor, doctor, manager, usw. sowohl Frau als auch Mann verbergen kann, welches auch für den jeweiligen Plural gilt. Da es bei uns die weibliche Form gibt, was ja an und für sich ein schöner Zugewinn für die Sprache ist, brauchen wir im Plural die umständlichen *Innen- Formen. Das empfinde ich als Nachteil. Es verkompliziert die Sache. Dabei ist das mit den Geschlechtern oder „Gendern“ auf Neudeutsch, schon kompliziert genug. 

Auch da hat man es im Englischen besser. Statt ein männliches oder weibliches Pronomen zu verwenden, gibt es neuerdings die Möglichkeit, das dem deutschen Plural „sie“ entsprechende englische „they“ oder fallweise „them“ als geschlechtsneutralen Singular zu verwenden.

Ich finde es vollkommen richtig, dass man sich bei uns seit einiger Zeit Mühe gibt, Menschen gesellschaftlich zu würdigen, die sich nicht eindeutig auf „weiblich“ oder „männlich“ festlegen wollen oder können. 

Es ist mir dabei vollkommen gleichgültig, ob das, wie es gelegentlich vorkommt, als Mode-Erscheinung, Zeitgeisterei oder sonstwie als überflüssig betrachtet wird. Und selbst wenn es Personen gäbe, die sich damit nur „interessant“ machen wollen, was soll’s? Es gibt Menschen, die die normative Eindeutigkeit nicht besitzen, und das muss man anerkennen. Es wird allerhöchste Zeit, ihnen das Recht zuzugestehen, das nicht verstecken oder vertuschen zu müssen. Sie haben lange genug unter gesellschaftlicher Ignoranz gelitten.

Aber wie fasst man das auf deutsch am besten sprachlich? Wenn man nicht weiß, ob jemand eine „Sie“ oder ein „Er“ ist, eiert man ganz schön rum, und schöner wird der sprachliche Ausdruck dadurch auch nicht: Sie/er setzt ihren/seinen Hut auf. Im ersten Moment dachte ich: „Das geht nicht, da kriegt man doch einen Vogel!“  Und auch im zweiten Moment wurde es nicht besser. Ich habe keine Lösung für dieses Problem, sich einfach, korrekt und formschön auszudrücken. Man wird es wohl kompliziert lassen müssen, bis irgendwem vielleicht ein genialer Einfall kommt. Oder man sich an irgendeine neue Form gewöhnt hat, die bis jetzt noch undenkbar ist. Soll ja vorkommen. Schließlich kommt selbst uns alten Schachteln völlig selbstverständlich ein „Geil!“ über die Lippen, wenn wir etwas wirklich gelungen finden, wohingegen meine Mutter sich eher die Zunge abgebissen hätte, als diesen Ausdruck zu verwenden.

Bild von WikiImages auf Pixabay 
2 Kommentare
  • Liebe Frau Dehner,

    von Ihnen lasse ich mich doch sehr gerne siezen. Gerne auch mit * – kompliziert ist ja das neue normal. Ausserdem kann ich nichts altes an Ihnen und Ihrem Blog erkennen. Nur Lebenserfahrung und Lebensweisheit.

    Chapeau aus Zürich!
    verena

  • Meine Liebe – alles richtig – aber „geil“ kommt mir nicht über die Lippen – bin wohl doch eine überalterte Schachtel