Revolution, Baby!

Revolution, Baby!

Revolution, Baby! 846 605 Alte Schachteln

Wie ich im letzten Beitrag erwähnt habe, hatte ich Besuch von zweien meiner Enkeltöchter. Ganz davon abgesehen, dass der Kontakt mit der jungen Generation für alte Schachteln immer eine Bereicherung für Geist und Gefühl darstellt, trägt er auch stets zur Vergrößerung des Wortschatzes bei. Wir wurden auch diesmal damit beschert, und weil mir dieser wunderbare, vorher nie gehörte Plural so gut gefällt, will ich ihn Ihnen nicht vorenthalten. Wir wollten losgehen, um etwas zu besorgen, weshalb die jüngere der beiden ihrer Schwester zurief: „Wir brauchen unsere Mündschütze.“ Ihre Konsequenz im Umsetzen bestimmter grammatikalischer Regeln, die Bildung des Plural betreffend, war schon früher bemerkenswert. Nach ihrer Frisur gefragt, sie hatte zwei Schnecken über den Ohren, antwortete sie, dass seien ihre Dütte. Ich finde das vollkommen logisch, der Duft, die Düfte, der Grund, die Gründe, der Gruß, die Grüße, warum also nicht der Hund, die Hünde, der Schubs, die Schübse, die Blume, die Blümen, der Dutt, die Dütte. Okay, ganz korrekt hätte es wahrscheinlich die Münderschütze heißen müssen, aber jetzt wollen wir mal nicht päpstlicher sein als die Päpstin.

Zurzeit ist sprachliche Korrektheit allerdings ja in etlichen Kreisen schwer im Schwang. Wehe dem, der sich auf dieses gefährliche Terrain begibt. Ich erinnere nur an den Shitstorm, den die arme J.K. Rowling über sich ergehen lassen musste, weil sie schrieb, dass es für Menschen mit Menstruationshintergrund doch eigentlich eine seit Ewigkeiten gebrauchsübliche Vokabel gäbe. Ich finde ja persönlich, dass die meisten dieser Ultra-Empörten, die sich völlig zu Recht gegen Missachtung, Herabwürdigung und Unterdrückung wehren, ihrer Sache ins Knie schießen, wenn sie dogmatisch und fanatisch werden, aber in ihren Augen habe ich wahrscheinlich eh kein Recht mitzudiskutieren, schließlich besitze ich keine persönliche Erfahrung damit.

Dem sei, wie ihm wolle, Sprache jedoch ist ein Gebiet, das mich interessiert, also will ich auch mit einer kleinen Anregung rüberkommen. Mich wundert nämlich, weshalb bei uns noch keiner, zumindest ist mir nichts davon bekannt, die Abschaffung der unter Erwachsenen handelsüblichen Anreden gefordert hat. Wieso hat noch keiner aufgeschrien, dass es schockierend, diskriminierend, herabwürdigend, sexistisch, kolonialistisch, feudalistisch (denken Sie sich selbst noch ein paar Zuschreibungen aus, ich bin mit meinem Latein am Ende) sei, dass die mit dem Menstruationshintergrund schnöde als „Frau Meier“ angesprochen werden, während die mit dem tatsächlichen oder imaginierten Pimmel zwischen den Beinen nicht einfach als „Mann Meier“ zum Appel gerufen werden, sondern ihnen die Ehre, wenn es denn eine ist, erwiesen wird, als „Herr“ apostrophiert zu werden?!

Ein „Herr“, das ist einer, der Herrschaft ausübt, der hat die Macht, der hat das Sagen, der hat keinen über, im besten Fall einen neben, auf jeden Fall aber welche unter sich – und das manifestieren, ja zementieren wir tagtäglich, meine Damen, ohne uns zu wehren. Ist das denn die Möglichkeit! 

Frauen, auf die Barrikaden! 

Mann Seehofer, ich bin nicht hundertprozentig sicher, ob das ins Ressort des Innenministeriums fällt, aber hier herrscht jedenfalls dringender Handlungsbedarf! Ein Gesetz muss her, das endlich die rechtliche Gleichstellung aller Menschen mit allen möglichen Hintergründen gewährleistet. Was sind schon ein paar Gender-Sternchen gegen die alltägliche Diskriminierung, der wir uns nun entschieden entgegenstellen müssen! Um auch all denen gerecht zu werden, die sich nicht eindeutig für eins der bisher gang und gäben Geschlechter entscheiden können oder wollen, plädiere ich bei näherem Nachdenken für das allgemeingültige „Mensch Meier“! Also, Mensch Seehofer, werden Sie endlich aktiv!

In anderen Ländern ist die Sache übrigens nicht wirklich besser. Ich verweise jetzt nur mal exemplarisch auf Spanien. Da müssten eigentlich alle miteinander auf die Barrikaden gehen, Männer, Frauen und alles dazwischen, im Kampf vereint gegen die entwürdigende, tja, wie nennen wir das nun: „Geriatrimanie“? „Geriotismus“? „Geriassismus“? Denn was ist der „Senhor“ anderes als der „Alte“, die „Senhora“ demzufolge die „Alte“? Hola Senhora, He Alte, also das ist sowas von respektlos! Da biegt es einer in Ehren ergrauten alten Schachtel doch die Zeh-Nägel hoch. Den Italienern und -innen geht es da übrigens mit Signore und Signora nicht besser. Und was soll die „Senhorita“ respektive die „Signorita“ sein, ein „Alterchen“? Na, dreimal pfui, kann man da nur sagen! Müssen wir uns das gefallen lassen? Revolucion, Baby – hasta la victoria siempre!

Bild von Clker-Free-Vector-Images auf Pixabay 
1 Kommentar
  • Meine liebste Renate –
    diesmal kann ich Dich wieder erfreuen und einen Kommentar schreiben.
    Warum wird Mann Meier zum Appel = Apfel gerufen?
    Oder sollte er zu Apple, um ein Eifon zu erstehen?
    Ist er jedoch Soldat, wird womöglich an ihn appelliert, zum Appell kommen?
    Nix für ungut – Luitgard