Merkwürdige Zeiten

Merkwürdige Zeiten

Merkwürdige Zeiten 1920 928 Alte Schachteln

Das Eingeständnis fällt einem natürlich nicht leicht, wenn man seine „Botschaften“ oder wie immer man das nennen will, was ich in die Welt hinaus entlasse, weder tanzen, noch geigen oder posaunen, noch malen kann, aber es ist so: Ich finde es außerordentlich schwierig, die richtigen Worte zu finden. Das geht mir übrigens nicht nur im Moment so. Ich finde es sehr häufig sehr kompliziert, mit meinen Worten genau das zum Ausdruck zu bringen, was ich wirklich sagen will. Solange sie noch im Kopf sind, ist alles vollkommen klar, mir wenigstens, aber kaum haben die Sätze meinen Mund verlassen, scheinen sie ein Eigenleben zu entwickeln und sich zumindest in Teilen in etwas zu verwandeln, was ich so nicht sagen wollte. Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste, sobald ich etwas verlauten lasse, auch gleich noch das Gegenteil hinterher schieben und dann noch etwas Modifizierendes dazu, damit so halbwegs das dabei herauskommt, was ich wirklich meine. Mache ich mich gerade verständlich? Geht es noch jemandem so, oder bin ich der einzige Idiot mit diesem Problem?

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold?

Nun könnte ich es natürlich mit Ludwig Wittgenstein halten, Sie wissen schon, jenem Genie, das seinen „Tractatus logico-philosophicus“ mit dem unschlagbaren Argument beendete „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Dagegen ist im Prinzip wirklich gar nichts einzuwenden, aber in meinem Fall fürchte ich, ich müsst dann sehr oft meine Klappe halten. Okay, auch das wäre unter Umständen kein Verlust für die Welt. Aber mir würde, glaube ich, etwas fehlen. Ich möchte mit anderen Menschen in Kontakt treten und die dann immer nur nett anzulächeln, das ist ja auch nicht so ergiebig für den Aufbau einer interessanten Beziehung. Was bleibt einem also anderes übrig, als zu versuchen, mit den Beschränkungen eines begrenzten Ausdrucksvermögens so gut wie möglich klar zu kommen? Sich damit abzufinden, auch dafür steht einem die Weisheit eines der größten deutschen Philosophen zur Seite. Wie Kant nämlich so richtig feststellte, ist der Mensch ein Wesen, das sich Fragen stellt, die er letztlich nicht beantworten kann.

Fragen, Fragen, Fragen – und weit und breit keine Antwort!

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie unglaublich viele Fragen sich mir in diesen außerordentlich sonderbaren Zeiten stellen! Eine davon ist zum Beispiel „Wieviel ist eine Meinung wert?“ Und die nächste, die sich gleich daran anschließt, lautet „Ist eine Expertenmeinung wirklich mehr wert als eine Feld-, Wald- und Wiesenmeinung?“ Vor allem, wenn der eine Experte diese, und der nächste Experte jene Meinung hat und ein dritter mit seiner Meinung beiden widerspricht? Welchem Experten man dann Glauben schenkt, ist doch vermutlich nur eine Frage der persönlichen Vorliebe und hat nur noch wenig mit Fakten zu tun. Man glaubt halt dem, der das sagt, was man sich immer schon gedacht hat. Neulich habe ich den schönen Satz gehört „Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten.“ Das würde ich jederzeit blind unterschreiben, aber was, wenn es den Fakten geht wie mir, und sie keine eindeutige Sprache sprechen? Beziehungsweise, wenn eben die Fakten vielleicht eindeutig sein mögen, sie aber jeder anders interpretiert?

Gut oder böse oder irgendwas dazwischen?

Wie gehen wir damit um? Was werden wir daraus entwickeln? Das Rätsel der menschlichen Freiheit, wie werden wir es lösen? Sind wir Menschen gut oder sind wir böse? Erinnern Sie sich noch an das berüchtigte Stanford-Experiment? Falls Sie es nicht mehr so genau im Kopf haben: In diesem Experiment wurden Studenten in zwei Gruppen eingeteilt, in Gefängnis-Wärter und Gefangene. Das Experiment musste vorzeitig abgebrochen werden, weil die „Gefängnis-Wärter“ sich zu so sadistischen Scheusalen entwickelten, dass das den „Gefangenen“ nicht mehr zuzumuten war. Die „Gefängnis-Wärter“ waren von den Studienleitern dazu angehalten worden waren, sich möglichst sadistisch zu verhalten. (Ich weiß nicht, was man denen in den Kaffee getan hat, um fähig zu sein, sich ein solches Setting auszudenken, aber sei’s drum…) Dabei zeigte sich, dass schon unter leichtem Druck Menschen bereit waren, Dinge zu tun, die man nur noch als bösartig bezeichnen kann. Die Studenten, die von sich sicherlich behaupten würden, „eigentlich“ seien sie gar nicht so, sondern nette, umgängliche Menschen mit zumindest normal ausgeprägter Ethik, waren dann „eigentlich“ ziemlich schnell doch so.

Wer von uns ist imstande, Druck Stand zu halten? 

Die Bösartigkeit des Menschen ist durch das Stanford-Experiment vielleicht nicht abschließend belegt, aber es gibt zu denken. Die vielen Fälle aufgedeckter Fälschungen von Studien-Ergebnissen belegt aber zumindest die Bösartigkeit einer Universitäts-Schickeria, die nicht nur ihre  eigenen Großmütter, sondern ihre gesamte engere Familie dafür verkaufen würde, durch sensationelle Ergebnisse bei sogenannten „Studien“ und durch die darauf folgenden Veröffentlichungen, den Mitkonkurrenten auf dem akademischen Marktplatz eine Niederlage zuzufügen. Ich glaube, nirgendwo, nicht einmal in der Politik, herrscht ein solcher Profilierungs-Wahn wie in universitären Kreisen. Das führt uns stracks zurück zu den oben gestellten Fragen bezüglich „Experten-Meinungen“, aber ich will das jetzt nicht vertiefen. Sie wissen ja, mir fehlen die Worte.

Nur eines noch, was die Menschlichkeit des Menschen betrifft: Meiner unmaßgeblichen Meinung nach sind wir Menschen als Individuen im Großen und Ganzen freundlich, wohlwollend, hilfsbereit und gütig. Aber als Masse sind wir eine Katastrophe.

Und jetzt habe ich es fertiggebracht, nur um das auch einmal zu würdigen, mir über diese merkwürdigen Zeiten Gedanken zu machen, ohne das C-Wort auch nur einmal zu erwähnen. Ich hoffe, Sie wissen mir Dank dafür, denn man kann es schlicht nicht mehr hören! Oder geht es Ihnen anders? Schreiben Sie mir Ihre Meinung, es wäre mir eine Freude!

Bild von Gerhard Gellinger auf Pixabay