La Citoyenne Blum – eine Liebesgeschichte

La Citoyenne Blum – eine Liebesgeschichte

La Citoyenne Blum – eine Liebesgeschichte 846 605

Willkommen zurück bei den alten Schachteln! Meine lange Sommerpause ist zu Ende, und ich leite die Herbstsaison mit einer „Geschichte aus der Geschichte“ ein, einem meiner Lieblings-Genres.

Diese Geschichte beginnt zu Zeiten der Belle Epoque. Eine Gruppe von Freunden, die alle aus dem wohlhabenden jüdischen Bürgertum stammen, verbringt ihre Sommerferien am Meer. Einer von ihnen ist ein junger Schriftsteller und Kritiker, der sich in der Pariser Literaten-Szene bereits in den Neunziger Jahren des Neunzehnten Jahrhunderts einen Namen gemacht hat als „intelligentester Kritiker“ seiner Zeit. In Frankreich ist sein Name heute noch bekannt, in Deutschland dürfte er inzwischen jedoch nicht mehr so vielen geläufig sein – ich spreche von Léon Blum, geboren 1872, der später ein herausragender linker Politiker wurde, dreimal kurzzeitig Präsident der Republik, von der Vichy-Regierung verhaftet, in einem Schau-Prozess verurteilt und von den Nazis nach Buchenwald verschleppt. Dort hatte er Glück im Unglück, da er nicht im KZ, sondern in einer benachbarten „VIP“-Abteilung untergebracht wurde und deshalb das Nazi-Regime überlebte. 

Damals jedoch, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, strebt Léon vor allen Dingen danach, ein anerkannter Schriftsteller zu sein. Er ist groß, schlank, gewandt – und er ist verheiratet mit Lise, mit der er auch einen kleinen Sohn hat. Lise ist vier Jahre älter als Leon, sie stammt aus reichem Haus und liebt es, die „grande dame“ zu sein. In jenen Ferien im Jahr 1907 trifft Léon zum ersten Mal Thérèse Pereyra und ist sofort hingerissen von dieser jungen Frau – der berühmte „coup de foudre“ hat ihn voll erwischt. Thérèse, neun Jahre jünger als er, hat ein bezauberndes Lächeln, besitzt umwerfenden Charme, ist voller Geist und Witz, klein, schlank, sportlich, mit mandelförmigen Augen, spielt Tennis in Hosen!, jagt, fährt selbst Auto – kurz, sie ist ungewöhnlich. Auch sie gehört jener wohlhabenden Schicht an, die sich einen angenehmen Lebensstil leisten kann. Ihre ursprünglich portugiesische Familie war im siebzehnten Jahrhundert vor der Inquisition nach Frankreich geflohen, wo sie seither lebten, zwar Juden, aber laizistisch, wie Léon Blum.

Während dieses ersten Sommers wurde es für Thérèse und Léon schnell zur lieben Gewohnheit, gemeinsam spazieren zu gehen oder zusammen Radausflüge zu unternehmen. Und sie sprachen, sprachen, sprachen endlos miteinander. Blum, der gerade dabei war einen Essay mit dem Titel „Über die Ehe“ zu verfassen, befragte Thérèse über ihre Ansichten dazu: Wie dachte sie über Paare, über die Ehe, über die Liebe, über die Freiheit? Dabei stellte sich heraus, dass die überaus streng erzogene Thérèse, die nichts mehr wollte, als dieser Enge entfliehen, dieselben Ansichten wie er hegte – eine solche Übereinstimmung, es war fast zu schön, um wahr zu sein! Sie waren beide davon überzeugt, dass sich Paare auch schon vor der Ehe intim kennen sollten, sie sollten vor der Hochzeit schon die körperliche Liebe kennengelernt haben, shocking zur damaligen Zeit! Léon und Thérèse waren glücklich, einen Gesprächspartner gefunden zu haben, der so ganz auf der eigenen Wellenlänge lag.

Doch die schönsten Ferien gehen einmal zu Ende und es blieb zunächst bei einem Sommerflirt, der allerdings im nächsten Sommer seine Fortsetzung fand. Wieder gab es bloß gemeinsame Spaziergänge und Gespräche, doch das Begehren wurde intensiver und obwohl verlangende Blicke getauscht wurden, schöpfte die Ehefrau keinerlei Verdacht. Sie war schon daran gewöhnt, dass Leon allseits bewundert wurde, schließlich war er elegant, brillant, wohlhabend, er war begehrt, et alors? Außerdem hatten sie ja diesen gemeinsamen Sohn, also worüber sollte sie sich Sorgen machen?

Tatsächlich erklärte Leon Thérèse, dass er Lise niemals verlassen würde, es habe also gar keinen Wert, auf ihn zu warten und Thérèse selbst war ja auch nicht ungebunden. Seit drei Jahren schon war sie verlobt, und ihre Mutter drängte mittlerweile immer energischer auf die Hochzeit. Thérèse, ohne Hoffnung auf ein happy end mit Léon, gab ihre Zustimmung zur Eheschließung. Es war eine sehr gute Partie, aber eine Liebesheirat war es nicht, jedenfalls nicht von ihrer Seite. Thérèse langweilte sich, sie wollte mehr vom Leben. So war es kein Wunder, dass im darauffolgenden Sommer, als man sich wieder in den Ferien traf, sie und Léon einander in die Arme und miteinander ins Bett fielen.

Léon hatte sich vergeblich vorgenommen, der Versuchung zu widerstehen – es kam, wie es kommen musste: Als er Thérèse wiedersah, gab es kein Halten mehr. Auch Thérèse schrieb ihm Monate später: „Ich verstehe nicht, wieso ich mich so lange zurückgehalten habe!“ Nach diesem ersten wirklich gemeinsamen Sommer begann eine Zeit der Leidenschaft, der Sehnsucht, des Begehrens – aber natürlich auch der Frustration, weil man sich viel zu selten sehen konnte. Léon schrieb an Thérèse: „Wenn du sprichst, meine Liebste, möchte ich dir immerzu zuhören, wenn du tanzt, wünschte ich, du wärest eine Welle des Meeres in ihrer unendlichen Bewegung, die niemals aufhört…“ Diese Beziehung war nicht einfach nur eine Affäre, Léon war wirklich und wahrhaftig verliebt. Ein Jahr lang trafen sich die beiden heimlich und jede Begegnung war ein Gipfel des Glücks.

Die Welt um sie herum bewegte sich allerdings auf einen Abgrund des Unglücks zu. 1914 stürzten sich Frankreich und Europa in den Krieg und die alte Welt der Belle Epoque ging unwiederbringlich verloren. Léon Blum wurde nicht eingezogen, er war zu alt und außerdem kurzsichtig wie ein Maulwurf. Als sein Freund, der Sozialist und Kriegsgegner Jean Jaurès kurz vor Ausbruch des Weltkriegs in einem Attentat ermordet wurde, war das für Léon jedoch der zündende Funke, sich in die politische Arbeit zu stürzen. Und Thérèse, eine ebenso glühende Sozialistin wie er, war an seiner Seite. Ab diesem Moment begann eine Zeit der relativen Freiheit für die beiden, denn Lise war weder Sozialistin, noch interessierte sie sich für Politik oder dafür, Léon zu unterstützen. Die beiderseitige Leidenschaft für Politik trug dazu bei, die Liebe zwischen Thérèse und Léon unbesiegbar zu machen. 

Obwohl die Regierung, in der Léon inzwischen eine wichtige Funktion hatte, sich im Krieg von Paris nach Bordeaux begab, änderte die räumliche Trennung nichts an den heftigen Gefühlen – man schrieb sich leidenschaftliche Briefe und erhoffte sehnsüchtig die Zeit des Wiedersehens. Es konnte gar nicht ausbleiben, dass einer dieser Briefe schließlich Lise in die Hände fiel. Die Reaktion war vorhersehbar: Lise tobte! Der Aufruhr im Blum‘schen Haushalt, war gepfeffert mit dem ganzen dramatischen Repertoire – Ultimaten, Drohungen, die Rivalin oder sich selbst umzubringen, Beschimpfungen. Doch Léon, der sonst so nachgiebige Léon, blieb standhaft. Er würde Thérèse nicht aufgeben, denn er liebte sie und wenn Lise nicht bereit sei, ihn mit ihr zu teilen, so wäre es Lise, die er verlassen würde. Sie erklärten sich beide zum Opfer bereit, Lise und Thérèse – Léon ließ sich nicht scheiden und trennte sich auch nicht von seiner großen Liebe, die ihrerseits auch bereit war, ihn mit Lise zu teilen.

Die Beziehung hielt stand, auch als Léon in den Zwanziger Jahren mehr und mehr zu tun hatte. Er war inzwischen Chef des SFIO (Section francaise de l’Internationale ouvrière), den er aus verschiedenen sozialistischen Strömungen gebündelt hatte, und war Abgeordneter von Paris und Narbonne. Thérèse hatte sich nach wenigen Jahren Ehe scheiden lassen und in Paris ein Geschäft eröffnet. Zusätzlich engagierte sie sich als militante Sozialistin in der politischen Arbeit. Ebenfalls Mitglied der SFIO, nahm sie an allen politischen Veranstaltungen teil und unterstützte Léon bei allen Treffen der Partei.

Die „ménage à trois“, wenn man es so nennen kann, schließlich lebten sie ja nicht unter einem Dach, fand ihr Ende durch den Tod von Lise 1931. Léon und Thérèse warteten ein Jahr der Pietät ab, ehe sie 1932 heirateten – er war inzwischen sechzig, sie einundfünfzig Jahre alt, ihre heimliche Liebe hatte nun schon seit über fünfundzwanzig Jahren Bestand. Sie bezogen ihre erste gemeinsame Wohnung, ein wunderbares Appartement auf der Ile St. Louis, mit einem atemberaubenden Blick auf Notre Dame, und konnten endlich gemeinsam in Erscheinung treten. Durch Thérèses einfache, offene Art und ihre Energie verlieh sie Léon einen Touch von Nahbarkeit und Humanität, die ihm sehr zugute kam. Ohne sich in seine Arbeit einzumischen, unterstützte sie ihn in allem, was er tat – sie war Léons rechte Hand, seine Privatsekretärin, sie war seine Chauffeuse, die ihn in seinen Wahlbezirken herumkutschierte, sie sie arbeitete im Büro der SFIO mit und sie machte seine „Öffentlichkeitsarbeit“, auch wenn das damals noch nicht so hieß. Bei den Sozialisten erwarb sie sich den Namen der „Citoyenne Blum“.

Doch wie in Deutschland blies auch in Frankreich den Sozialisten ein sehr scharfer Gegenwind ins Gesicht. Außerdem wurde auch hier der Antisemitismus immer heftiger. 1936 wurde Léon in einer rechten Zeitung als „Monster der Republik“ geschmäht, als jemand, den man erschießen sollte, und zwar von hinten. Léon war kämpferisch: „Der Faschismus wird nicht siegen!“ rief er seinen Landsleuten zu. Doch Thérèse fürchtete sich mehr und mehr, wenn sie die perfiden Drohbriefe voller Beleidigungen und Hass las, und zurecht, wie sich herausstellte. Am 13. Februar 1936 wurde er von rechten Schlägern auf der Straße erkannt und zusammengeschlagen, die „Hängt ihn auf!“ schrien. Wären nicht ein paar Arbeiter in der Nähe gewesen, die Léon Blum ebenfalls erkannt hatten, wäre die Sache wahrscheinlich böse ausgegangen. So trug er „nur“ eine schlimme Kopfverletzung davon, von der er sich erst nach Wochen erholte. Thérèse war von diesem Attentat traumatisiert. Trotzdem schrieben die Beiden Geschichte, denn Léon wurde zum ersten sozialistischen Präsidenten der Republik gewählt. Und wo immer Léon gefeiert wurde, wurde seine treueste Mitkämpferin mitgefeiert, die ohne jeden Zweifel ihren großen Anteil an seinen politischen Erfolgen hatte. Sie war die erste „First Lady“ der französischen Republik. 1936 war Léons und Thérèses großes Jahr – und es war der Anfang vom Ende ihrer großen Liebe.

1937 musste Thérèse sich endgültig eingestehen, dass sie krank war. Sie fühlte sich seit geraumer Zeit müde und erschöpft, sie litt immer öfter unter Fieberanfällen, die sie jedoch als wiederkehrende Grippe abtun wollte, denn sie wollte Léon nicht beunruhigen, der doch bereits so viele Sorgen mit seiner politischen Arbeit hatte. Unermüdlich bereit, für und mit ihm zu kämpfen, gönnte sie sich keine Ruhe, doch sie magerte mehr und mehr ab und bald wurde es für jeden offensichtlich, dass sie krank war. Im Juni 1937 schließlich wurde sie bettlägerig, im Oktober wurde sie operiert, und im Januar 1938 rief sie, die immer nur an Léon dachte, einen Kreis treuer Freunde zu sich ins Hospital, und beschwor sie: „Verlassen Sie Léon nicht, kümmern Sie sich um ihn, versprechen Sie mir das!“ Am 21. Januar 1938 starb la citoyenne Blum an Krebs, von Tausenden betrauert.

Bild von DEZALB auf Pixabay 

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