Konfus

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Konfus 846 605

Jeder kennt die genialen Ideen, die man leider vergessen hat aufzuschreiben. Der grandiose Gedanke, von dem man hinterher bloß noch weiß, dass man ihn hatte. An den Inhalt kann man sich dummerweise nicht mehr erinnern. Mir kommen Ideen, die man wahrscheinlich schlichtweg nur genial nennen kann, in der Sauna. Aber, wie es halt so ist: Viele gute Ideen werden ohne gute Kommunikation zu Rohrkrepierern. Und die Möglichkeiten zur Kommunikation mit einer interessierten Öffentlichkeit sind in unserer Sauna leider bescheiden. Um es unverhohlen zu sagen, sie sind mehr als mangelhaft. Außerdem bewirken die Umweltverhältnisse, dass meine Äußerungen selten über ein wohliges Grunzen und die überflüssige Bemerkung „Schön heiß hier“ hinausgehen. Das ändert nichts an der Genialität der Einfälle, die sich in den Tiefen meiner Gehirnwindungen aufhalten, jedoch die bedauerliche Neigung haben, unter der kalten Dusche im Abfluss zu verschwinden. Was übrig bleibt ist Konfusion.

Mit der steht man jedoch nicht allein da. Konfusion breitet sich gerade überall aus. Das äußert sich unter anderem darin, dass man zum Beispiel gar nicht mehr weiß, was gerade von wem wofür auch immer gebrandmarkt wird. 

Nicht selten sieht man sich deshalb ratlos. Was man für ehrliches Interesse an einem anderen Menschen hielt, könnte rassistisch interpretiert werden, also fragt man erst gar nicht mehr, woher jemand kommt. Was man für eine willkommene und sehr geschätzte Bereicherung der eigenen Kultur angenommen hat, könnte als übergriffig verurteilt werden, also verzichtet man lieber darauf, japanische Küche zu kredenzen. Auch das überaus gern praktizierte Yoga soll neuerdings ein Gschmäckle haben. Was man jahrzehntelang für ein Zeichen des Respekts hielt, nämlich jemandem ohne Ansehen der Herkunft, der sexuellen Orientierung und des Aussehens gegenüberzutreten, ist plötzlich ein Zeichen der Ignoranz und Abwertung, weil man irgendwelche Identitäten ignoriert, negiert, malträtiert, und wenn man sich als Weißer gegen Rassismus engagiert, zeigt das womöglich nur, dass man, typisch weiße Überheblichkeit, überall das Sagen haben will. 

Ehrlich, ich kapier die Welt nicht mehr! Das kann natürlich damit zusammenhängen, dass ich eine alte Schachtel bin – will ich gar nicht in Abrede stellen. Vielleicht verstehen junge Menschen besser, weshalb man sich in der Süddeutschen Zeitung wundert, dass irgendein US-Sternchen, dessen Namen ich vergessen habe, fröhlich lachend gesichtet und fotografiert wurde, obwohl sie doch gerade von einem Shitstorm heftig angepustet wird, weil sie vor zehn (!!!) Jahren irgendeinem anderen US-Sternchen per Twitter die Pest an den Hals gewünscht hat. Das war zugegebenermaßen weder nett noch gescheit von ihr – aber deshalb zehn Jahre Sack und Asche? Ich kapiere weder den reichlich verspäteten Shitstorm, noch, weshalb man es erstaunlich findet, dass sie trotzdem guter Dinge ist. Muss die Anpassung an die „öffentliche Meinung“ inzwischen so weit getrieben werden, dass man nur noch fröhlich sein darf, wenn man ein Leben striktest nach den Grundsätzen einer political correctness führt, deren Maßstäbe sowieso immer nur an die anderen angelegt werden – denn so richtig nett ist ein Shitstorm ja wohl auch nicht, oder? 

Mir scheint, das Ausmaß an Anpassung, das man sich auferlegen müsste, um all den pseudo-moralischen Forderungen nach Wohlverhalten gegenüber allen möglichen „-istischen“ Belangen zu erfüllen, übersteigt alles an bravem Duckmäusertum, was in einem schwäbischen Dorf vor hundertfünfzig Jahren von damaligen alten Schachteln, denen nur ein Geist heilig war, nämlich ihr eigener, verlangt, beim Kirchgang argwöhnisch beurteilt und im Falle des Nichtgenügens in bigotter Weise durchgehechelt und geahndet wurde. 

Die soziale Kontrolle geht neue Wege und ist dabei, in einem Maß bestimmend zu werden, die mich fassungslos macht. Um nicht „im Netz“ abgeurteilt zu werden, wägen Menschen ihre Worte am besten so sorgfältig ab, dass überhaupt nichts Sagenswertes mit Hand und Fuß mehr übrigbleibt. Waren wir nicht einmal angetreten mit dem Ziel, größere Freiheit zu erschaffen, mehr Offenheit in die Gesellschaft zu bringen, mehr Toleranz an den Tag zu legen, mehr Verständnis zu zeigen, mehr Gleichheit im Miteinander zu leben? Wo ist das alles hin? In einem Moment, es ist schon ein paar Jahre her, glaubten wir alten Schachteln noch, auf dem richtigen Weg zu sein, um plötzlich schier ungläubig festzustellen, dass alte Blöcke sich wieder verfestigen, Gegensätze, gar Feindschaften entwickelt werden, wo Gemeinsamkeit sein sollte, und „Identitäten“, die doch ohnehin nur illusionäre Konstrukte sind, eine ungeahnte und merkwürdige Rolle spielen.

Die „-Ismen“, schon immer große Verbündete der jeweiligen Lager im Kampf aller gegen alle, haben neuerdings ein Brüderchen bekommen. In Frankreich ist gerade ein Buch erschienen, in dem „Le confusionisme“ als Phänomen unserer Zeit beschrieben wird. Es heißt „La grande confusion“, geschrieben von Philippe Corduff, und beschreibt die Verwirrung von ehemals linken und ehemals rechten Standpunkten, die sich natürlich nicht nur in Frankreich, sondern auch bei uns ausbreitet. Le confusionisme ist zwar wohl nur ein angeheirateter Adoptiv-Halbbruder in der Patchwork-Familie der Ismen, wollen wir trotzdem hoffen, dass er nicht groß und stark wird. Er sorgt doch irgendwie nur für Ärger. Oder irre ich mich und er trägt nolens volens zu einer Klärung der Gedanken bei? Hoffen kann man es ja mal…

Konfusionen, was das Anforderungsprofil, bestimmte Berufsgruppen betreffend, angeht, können hingegen sehr amüsant sein, wie das folgende Beispiel aus der Home-Office-No-Kita-Zeit zeigt, das ich Ihnen nicht vorenthalten will, weil ich es wunderbar und tröstlich finde.

Wir alten Schachtel erinnern uns: Als Mutter hatte man es manchmal schwer. Als Mutter im Home-Office ist es zum Verrücktwerden. Da kann man von Glück sagen, wenn kein Blut fließt. Frau D. sitzt an ihrem Schreibtisch. Sie muss arbeiten und ist froh, einmal ein bisschen ihre Ruhe zu haben, denn die Kinder spielen schon seit einer ganzen Weile im Kinderzimmer. Aber plötzlich kommen Geheul und Geschrei aus dem Kinderzimmer als befände sich ein ganzer Indianerstamm auf dem Kriegspfad (Darf man wahrscheinlich so nicht mehr sagen, bitte um Verzeihung, mea culpa!). Frau D. seufzt und hofft, dass das von allein wieder aufhört. Aber das Gebrüll wird immer schriller. Es klingt, als gingen ihre Kinder sich gegenseitig an die Gurgel. Also steht Frau D. vom Schreibtisch auf, um das Schlimmste zu verhüten. Im Kinderzimmer ist tatsächlich eine wüste Schlägerei im Gange. Frau D. kann nicht anders, da muss sie eingreifen.

„Vinzenz!“ ruft sie entsetzt: „Hör sofort auf, deine kleine Schwester zu hauen!“ 

Vinzenz heult: „Aber Kaya hat angefangen, sie hat mich getreten!“ 

Frau D. schimpft: „Aber Kaya, du darfst doch Vinzenz nicht treten!“ 

Kaya heult: „Aber Vinzenz hat mich davor ganz fest geschubst!“ 

Frau D. wird matter: „Vinzenz, man schubst doch niemanden, der schwächer ist!“ 

Vinzenz heult: „Aber vorher hat Kaya mich geschlagen. Dabei habe ich ihr nur was erklärt!“ 

Frau D. hat das Gefühl in einem Irrenhaus zu sein: „Kinder, habt ihr sie noch alle? Was ist denn eigentlich los?“ 

Kaya heult wieder los: „Vinzenz ist ganz gemein!“ 

Vinzenz sagt von oben herab: „Mit Kaya kann man einfach nicht spielen. Und dann hab ich ihr nur was erklärt und sie hat mich geschlagen, richtig fest!“ 

„Du hast ihr nur etwas erklärt?“ „Ja, ich habe ihr nur etwas erklärt!“ „Was hast du ihr denn erklärt?“ 

„Ich habe ihr erklärt, was eine blöde Puppentussi ist!“  

„Himmel, Vinzenz, du hast etwas total Unfreundliches zu Kaya gesagt!“ 

„Aber Kaya hat vorher gesagt, ich bin ein Blödmann, der nur mit Autos spielen will.“ 

„Du bist ja auch doof, du immer mit deinen Autos, und Autorennen fahren und ich kriege immer nur die langsamen!“, beschwert sich Kaya, „ich spiele überhaupt nicht mehr mit dir!“ 

Vinzenz zeigt Kaya einen Vogel: „Von wegen, du spielst nicht mehr mit mir. Ich spiele nämlich gar, gar, gar nie mehr mit dir, weil man mit dir überhaupt nicht spielen kann. Du willst ja immer nur Vater, Mutter, Kind spielen, und ich soll immer der Vater sein, der gerade im Büro ist!“

(Es tut mir außerordentlich leid, dass die Kinder sich Rollenklischeehaft verhalten, bitte entschuldigen Sie vielmals – und ich flehe Sie an, auf einen Shitstorm zu verzichten, eine Shit-Bö tut es auch!)

Frau D. fällt plötzlich wieder ein, warum sie sich schon öfter vorgenommen hatte, sich aus den Streitereien der Kinder rauszuhalten. Aber jetzt ist es nun mal passiert und sie muss irgendetwas machen. „Wisst ihr was, ihr seid beide fürchterliche Streithammel und deshalb…“ Da fängt das Telefon an zu läuten. „Ich muss ans Telefon. Ihr bleibt hier im Kinderzimmer und räumt es ordentlich auf und ich will keinen Ton hören. Nachher reden wir weiter!“ 

Frau D. greift zum Telefon und verlässt das Kinderzimmer. Es wird ein längeres Gespräch, aber endlich kann sie den Hörer auflegen. Aus dem Kinderzimmer dringt wenigstens kein Gebrüll, das findet sie beruhigend. Leise nähert sie sich der Tür, da hört sie, wie Vinzenz zu Kaya sagt: „Wir spielen, wir wären Cowboys, okay?“ Und Kaya antwortet: „Okay, aber ich wäre ein Cowboy der sein Baby dabei hat, ja?“ „Ist gut“, sagt Vinzenz. Frau D. schleicht sich zurück an ihren Schreibtisch.

Was wäre das schön, wenn wir alle (und mit alle meine ich ALLE) Kindlein wären, die nicht mit Zähnen und Klauen an ihren vorgefassten Meinungen, Standpunkten und Glaubenssätzen festhalten, sondern, naja, Sie wissen schon…

Bild von Greg Montani auf Pixabay 

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