Jacques Brel, der Kater und ich

Jacques Brel, der Kater und ich

Jacques Brel, der Kater und ich 846 605

Der belgische Sänger Jacques Brel zählt zu meinen Lieblingsfranzosen. Es gab eine Zeit, da habe ich seine Chansons quasi in Dauerschleife gehört. Etliche kann ich auswendig mitsingen, aus diesem Grund habe ich seine Texte noch immer im Ohr. Eines seiner berührendsten Lieder befasst sich mit den Alten und er beschreibt darin, wie sich das Leben der Alten immer weiter einschränkt, wie sie immer unbeweglicher, immer einsamer, immer zurückgezogener werden. Die alte Schachtel, so heiß es da sinngemäß, verlässt das Haus nur noch, um hinter dem Sarg eines noch älteren, einer noch hässlicheren herzuschreiten. 

Was das mit mir zu tun hat? „Le petit chat est mort“ – so lautet eine Zeile des Chansons, der kleine Kater ist tot, man wird keinen neuen mehr in sein Leben lassen. Es ist ein wunderbares Sinnbild dafür, dass eine Epoche endgültig zu Ende geht. Das hat es mit mir zu tun.

Ich, oder besser gesagt wir, hatten die vergangenen fünfzig Jahre meines Lebens immerzu Haustiere. Und was hatten wir nicht alles! Insgesamt sieben Katzen, sechs Hunde, unzählige (weil drei vorgeblich männliche Exemplare sich munter vermehrt haben, bis meine Kinder es nicht länger vor mir verheimlichen konnten) Wüstenrennmäuse, Goldhamster, Meerschweinchen, Zwergkaninchen, Fische, Wellensittiche und für kurze Zeit war sogar ein Pony Teil der Menagerie. Sehr gut erinnere ich mich auch noch an Bärbelchen, die weiße Ratte – sie war der Punkphase meines Ältesten geschuldet und ein wirklich nettes Tier. Bärbelchen brachte eine Gruppe von Sternsingern zum Verstummen, die ohnehin schon etwas eingeschüchtert angesichts mehrerer Katzen und eines großen Airedaleterriers in unserem Wohnzimmer standen. Als dann auch noch Bärbelchen aus meinem Pulloverärmel kroch, verschlug es ihnen die Sprache.

Unsere beiden letzten Hunde sind nun schon seit unglaublichen sieben Jahren tot – Mutter und Tochter, sie starben im Abstand von nur drei Monaten, und es war klar, dass wir keinen neuen Hund wollten. Hunde machen echt Arbeit – und das Leben ohne sie ist zugegebenermaßen einfacher. Aber Katzen sind Genuss ohne Reue – wenn man von ständig verhaarten Kleidern und ein paar anderen Sachen absieht, und wir hatten ja immer noch drei Katzen: Aysha, die liebenswürdigste Katze, die die Welt je gesehen hat, eine wunderschöne braune Persermischlings-Dame, die keine Ahnung hatte, wozu sie Krallen hat und Zeit ihres Lebens nicht einmal gefaucht hat, sowie die beiden schwarzen Brüder Skipper und Nelson. Auch diese beiden äußerst anhänglich und verschmust, denn als kleine Waisen kannten sie eigentlich nur Menschen. Ein Segler hatte auf seiner Yacht einen Wurf Kätzchen gefunden, und da keine Mutter weit und breit zu sehen war, brachte er sie ins Tierheim, wo sie von Menschenhand aufgezogen wurden und schließlich noch als Winzlinge zu uns kamen.

Aysha starb vor drei Jahren, tief betrauert, eine wie sie wird es nie wieder geben. Vor genau einem Jahr musste ich mich von Skipper verabschieden, er war schon längere Zeit krank gewesen und als ich spürte, dass es mit ihm zu Ende ging, saß ich neben ihm und unter meiner Hand hörte sein Herz auf zu schlagen. Nun war nur noch Nelson da und Ulrich und ich waren uns seit langem einig, dass das unser letztes Tier sein würde. Irgendwann muss ja mal Schluss sein, wir hatten es schließlich wirklich ausgekostet, das Tierhalter-Dasein. Aber es war schon nett, mit Nelson. Seiner Einschätzung nach gehörte ich ihm mit Leib und Seele, und er behielt mich aus diesem Grund ziemlich gut im Auge. Denn kaum setzte ich mich irgendwohin, beanspruchte er seinen Platz auf meinem Schoß. Er fühlte sich auch niemals unwillkommen – wenn ich ihn schon mal wegschob, weil ich ihn gerade gar nicht brauchen konnte, kam er unverdrossen und versuchte es aufs Neue, bis er erreicht hatte, was er wollte. Dabei ist es gar nicht so leicht, gleichzeitig zu frühstücken, die Zeitung zu lesen und den Kater auf dem Schoß zu balancieren, aber Katzenbesitzer kennen das, nehme ich an.

Verreisen war für uns trotz der Katzen nie ein Problem, weil wir zum Glück eine hingebungsvolle Katzensitterin im Haus haben. Vergangenen Samstag kamen wir von unseren zweiwöchigen Herbstferien zurück, wurden noch im Hausgang davon unterrichtet, dass seit dem vergangenen Abend etwas mit Nelson nicht in Ordnung sei, doch an der Tür noch von ihm begrüßt. Sein Zustand verschlechterte sich jedoch stündlich, er wurde immer schwächer, konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und hauchte abends um halb zwölf sein siebzehnjähriges Leben aus. Le petit chat est mort.

Wieder eine Phase vorbei – nein, ich will keine Katze mehr, aber traurig bin ich schon!

Bild von StockSnap auf Pixabay
1 Kommentar
  • Ach, liebe Renate, ich weiß ja auch, wie sich das anfühlt – und Du schreibst das mal wieder so sehr aus dem Lebengegriffen, so für mich nachfühlbar – aber das weißt Du ja auch. Danke !

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