Eine wirklich „merkwürdige“ Frau

Eine wirklich „merkwürdige“ Frau

Eine wirklich „merkwürdige“ Frau 846 605 Alte Schachteln

Eine meiner Prioritäten, ich weiß nicht, ob ich das schon mal erwähnt habe, ist lebenslanges Lernen. Lernen kann man ja, da sind sich alle Weisen dieser und der jenseitigen Welt einig, von jedem Idioten etwas. Ich hätte da einen ganz wichtigen Lernhinweis für Schalke. Haben Sie schon mal gehört, „Schalke“? Das ist dieser Fußballclub, der nicht gewinnen kann. Die haben neulich tatsächlich mal als erste ein Tor geschossen – es stand also ein sagenhaftes 1: 0. Was Schalke nun von Donalde Trömp, wie die französischen Nachrichtensprecher ihn gern nennen, lernen kann? Siegen, natürlich! Sie hätten sich augenblicklich zum Gewinner und das Spiel für beendet erklären sollen! Den Fußball hinschmeißen, vom Platz stapfen und den Fans per Twitter mitteilen, sie können schon mal die Kronkorken knallen lassen. Jeder weitere Kick des Gegners sei Betrug und der hinterhältige Versuch, ihnen den Sieg zu stehlen.

Ich finde, dieses beispielhafte Verfahren sollte Schule machen. Vielleicht sollte man Friedrich Merz mal einen diskreten Hinweis geben, wie er mit seinen innerparteilichen Kontrahenten locker fertig werden kann, dann braucht er nicht mehr öffentlich die beleidigte Leberwurst spielen. Remember my words: The new american way of vote – counting meets the time ghost! Alternative facts create an alternative democracy. Früher kannte man Donald ja als Ente. Wofür ist „Ente“ noch mal ein Synonym?

Trömp, Biden, legal, illegal, scheißegal, was jedenfalls jetzt schon klar ist: Es wird wieder keine Präsidentin geben (Immerhin, so viel weiß ich jetzt, eine Vize-Präsidentin). Wie es dazu kam, dass es bereits 1870 eine Frau gab, die Präsidentin der USA werden wollte, will ich Ihnen in aller Kürze erzählen.

 

Ich bin kürzlich auf die erstaunliche, und meines Wissens hierzulande wenig bekannte Geschichte der ersten Frau gestoßen, die als Chefin in das Weiße Haus einziehen wollte. 

 

Sie hat sich selbst als Präsidentschaftskandidatin aufgestellt, und zwar für die Wahl im Jahre 1872. Sie war eine Art Suffragette und hatte in der Tat ein abenteuerliches Leben. Ob sie in angelsächsischen Ländern bekannter ist als bei uns, vermag ich nicht zu sagen, aber ich muss zugeben, dass mir bislang der Name Victoria Woodhull gänzlich unbekannt war. Vielleicht genießt sie in feministischen Kreisen größere Bekanntheit – ihre Lebensgeschichte ist so skurril, dass es sich in meinen Augen jedenfalls lohnt, sie mal kurz zu umreißen.

Aufgewachsen ist die kleine Victoria, Jahrgang 1838, in ärmlichen, heute würde man wohl sagen prekären, Verhältnissen. Ihr Vater Reuben Claflin war ein gewalttätiger kleiner Gauner und Spieler, die Mutter sicherte hauptsächlich durch die „Visionen“, die sie hatte und die sie in Wahrsagerei ummünzte, den Lebensunterhalt der großen Familie. Immerhin mussten zehn Kinder ernährt werden. Diese visionäre Fähigkeit, wenn man es so nennen will, gab sie an Victoria und deren kleine Schwester Tennessee weiter. Im zarten Alter von dreizehn Jahren fiel Victoria immer wieder in hellseherische Trance-Zustände und auch Tennessee sah in die Zukunft. 

Der Vater der Mädchen sah darin eine gute Grundlage für einträgliche Geschäfte und etablierte die beiden als „Medium“. Ein paar Jahre lang verdienten sie auf diese Weise den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie, bis Victoria schließlich mit 15 Jahren den Arzt Cunning Woodhull heiratete. Mit dieser Heirat hatte sie keinen besonders guten Griff getan, was genau genommen gegen die Qualität ihrer seherischen Fähigkeiten spricht. Mister Cunning war nämlich leider so versoffen, dass sie wieder selbst dafür zuständig war, sich, ihn und ihre beiden Kinder durchzubringen. Sie tat das größtenteils als Schauspielerin, ob auch Prostitution als Nebenerwerb dabei war, ist nicht ganz klar.

Die Zustände erwiesen sich auf die Dauer als nicht haltbar, weshalb die Familie vorübergehend zu Cunning Woodhulls Eltern zog. Damit endete zunächst einmal das ungebundene Leben als Schaustellerin, denn Mr. Woodhull entstammte gutbürgerlichen Verhältnissen, die man sich als Umgebung für Victoria nur schwer vorstellen konnte. Victorias Schwiegermutter tat alles erdenkliche, um aus dem schillernden Paradiesvogel, den ihr Sohn da mit nach Hause gebracht hatte, einen zahmen Wellensittich zu machen, doch, man sieht es kommen, alle ihre Bemühungen waren zum Scheitern verurteilt. Die freiheitsliebende Victoria fühlte sich viel zu stark eingeengt durch das brave Korsett. Als sie zu einer Abendgesellschaft, die Mrs.Woodhull senior ihr zu Ehren gab, im traditionellen Kostüm der Suffragetten erschien, war eigentlich alles klar. Man rümpfte die Nase und gesellschaftlich war sie durchgefallen.

Ich glaube nicht, dass es ihr viel ausgemacht hat. Es hielt sie ohnehin nicht länger bei den Spießbürgern. Sie ließ sich 1864, mit sechsundzwanzig Jahren, scheiden und machte sich in St. Louis als Wahrsagerin und Geistheilerin selbständig, bis sie von einer Vision heimgesucht wurde, die ihr offenbarte, dass ihre Schwester Tennessee sie brauche. Sie wendete sich zunächst nach New York, fand ihre Schwester aber letztlich in der Nähe von Chicago wieder, zusammen mit dem Rest des Familienclans. Gemeinsam besannen sie sich auf ihr altes Geschäftsmodell und verdienten Geld mit spiritistischen Sitzungen.

 

In dieser Zeit wurde Victoria endgültig politisch und entwickelte sich zur glühenden Feministin.

Sie hielt Vorträge zu diesem Thema, warb für Gleichberechtigung und kämpfte für das Frauenwahlrecht. Da sie sehr sprachbegabt war, begeisterte sie sogar die Männer. Doch sie konnte nie längere Zeit an einem Ort bleiben, denn ihrer mehr als halbkriminellen Familie wegen waren notgedrungen häufige Umzüge an der Tagesordnung. Nebenbei verheiratete sie sich ein zweites Mal, blieb aber bei dem Namen Woodhull, wohl auch, weil sie fürchtete, dass der Name ihres zweiten Ehemannes, Blood, sich eher ungünstig auf die Geschäfte als „spirituelle Beraterin“ auswirken würde. James Harvey Blood, der sie mit frühsozialistischen Ideen bekanntgemacht hatte und der Bewegung der „Free Lovers“ anhing, war ein kongenialer Partner, denn er war, obwohl Vorkämpfer sehr reformerischer, fortschrittlicher Idee, auch ein Anhänger von Spiritismus.

Diesen Hang zum Spiritismus besaß auch Cornelius Vanderbilt, damals immerhin der reichste Mann Amerikas. Den lernten die Schwestern Victoria und Tennessee 1868 kennen, denn sie waren gemeinsam mit Blood nach York umgezogen. Blood arbeitete als Zeitungsredakteur, die Schwestern hingegen verdienten ihr Geld mit spiritistischen Sitzungen, die sie in Edelbordellen anboten. In einem solchen Etablissement für die oberen Zehntausend aus Politik und Wirtschaft ließ sich für eine kluge Frau sehr viel lernen. Damals war es Frauen verboten, an der Börse Handel zu treiben, weshalb sich die Herren keinen Zwang auferlegten, wenn sie beim abendlichen Treffen in entspannter Atmosphäre über ihre finanziellen Transaktionen und Pläne sprachen. Die Damen hingegen gaben ihr so erlangtes Wissen gegen Geld gern an die spiritistisch begabte Victoria weiter. Die war inzwischen zu Vanderbilts persönlicher Hellseherin aufgestiegen, ihre Schwester Tennessee zu seiner „Heilerin“ und Geliebten. 

Vanderbilt war ein großzügiger Mann, der Victoria und Tennessee reichlich an den lukrativen Börsengewinnen, die er dank Victorias „hellseherischen“ Fähigkeiten erzielte, beteiligte. Auch Blood verdiente nicht schlecht an der Börse – ja, so eine richtig gute Hellseherin ist was wert. Der restliche Claflin-Clan, der immer einen guten Riecher dafür hatte, wo Geld zu holen war, war inzwischen ebenfalls New York gezogen, so war man auch wieder glücklich als Familie vereint. Man lebte auf großem Fuß, denn Vanderbilt, der üppig an Victorias „Visionen“ verdient hatte, ließ sich nicht lumpen. Das Glück währte allerdings nicht allzu lange, denn nach einer versuchten Erpressung durch Mrs. Claflin senior beendete Vanderbilt die einst so vielversprechende Beziehung zu den Schwestern.

 

Die erste Börsenmaklerin

Doch Victoria und Tennessee waren schließlich auch nach Unabhängigkeit strebende Frauen, weshalb sie 1870 als erste Frauen ein Maklerbüro an der Wall Street eröffnet hatten. Unbelievable! Scandalous! Eine Frau als Börsenhändlerin, wo hatte man sowas schon gehört! Victoria verteidigte selbstbewusst das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung, darauf, ihr eigenes Geld zu verdienen. Und als ob das nicht alles schon schlimm genug wäre – nein, sie forderte auch in sexueller Hinsicht das gleiche Recht für Frauen! Sie prangerte die Doppelmoral an, die es Männern gestattet, Geliebte und außereheliche Affären zu haben, den Frauen jedoch die geringste Abweichung des bürgerlichen Pfades mit Verachtung und Schande vergalt. Dass sie das Recht auf freie Liebe forderte, schadet ihr in den Augen der prüden amerikanischen Gesellschaft übrigens mehr, als jede andere ihrer radikalen Forderungen – das nahm man ihr echt übel! Nach dem Ende der einträglichen Beziehung zu Vanderbilt ging es auch mit den Geschäften deutlich bergab, das Luxusleben auf zu großem Fuß nahm ein Ende.

Im Jahr 1870 stellte sie sich schließlich selbst als Präsidentschaftskandidatin für die Wahl 1872 auf, natürlich gänzlich ohne Aussicht auf Erfolg, wie ihr auch selbst klar war. Außerdem ist ein solches Procedere wohl in der Verfassung gar nicht vorgesehen. Wie auch immer, jedenfalls schaffte sie es, ihre Ansichten vor dem Kongress darzulegen, wo sie unter anderem auch das Wahlrecht einforderte, allerdings lag ihr die wirtschaftliche Unabhängigkeit und die sexuelle Freiheit der Frauen weit mehr am Herzen. Dass sie überhaupt so weit gekommen war, war für die damalige Zeit ein ungeheurer Vorgang – auch wenn er erfolglos blieb. 

Als Frauenrechtlerin setzte sie sich weiterhin auf vielfältigen Wegen für die Gleichberechtigung der Frauen ein, als Journalistin – sie gründete 1870 eine eigene Zeitschrift -, als Buchautorin, als Rednerin, als Vortragsreisende, als Gründerin der amerikanischen Arbeiterassoziation, als vehemente Befürworterin der „Freien Liebe“, aber immer auch als „Spiritistin“. Sie besaß eine schier unglaubliche Energie und es würde viel zu lange dauern, alles, was sie nach 1870 noch unternahm, hier darzustellen. Trotz der in heutigen Augen außerordentlich kruden Mischung von Trance-Zuständen (sie glaubte, oder wollte zumindest Glauben machen, dass der Geist von Demosthenes ihr erschienen sei, sie beseelte und ihre Philosophie begründete), Spiritismus, Hellseherei und ihren fortschrittlichen politischen Ideen,  eine bemerkenswerte, in diesem Sinne merkwürdige, Frau. Und natürlich auch ein bisschen eine der Kategorie „Die spinnen, die Amis…“

Bild von sarapeterson10 auf Pixabay
4 Kommentare
  • Liebe Renate, ich fürchte die gute Victoria war nicht die einzige “spirituelle” Frau in den USA. Ich musste an diese Frau denken:
    https://www.youtube.com/watch?v=gHsBIk1ZLr4&fbclid=IwAR2zhQISVoSvIjC-eOFQblGcYAV7sDx-j8LwDpKf9F69hlT4afJXzSQmE6Y

  • Liebe Renate,

    als Vertreter der „alten Knacker“ möchte ich drei Anmerkungen hinzufügen:
    1. meinen ganz herzlichen Dank für die Gelegenheit in Deinem Blog immer wieder hochinteressante Menschen – diesmal die wirklich sehr „vielseitige“ Victoria Woodhull (ich habe übrigens mit großem Spaß auch den weiteren Lebensweg der hyperaktiven Dame verfolgt, sie wurde immerhin 88 und hat noch sehr viel erlebt, in der Politik, im Spiritismus, in der Liebe…). wirklich spannend. besten Dank dafür!
    2. „Trömp-Biden; legal, illegal, scheißegal“: sehe ich nicht so. und das es nur darum geht, ob ein Mann oder eine Frau Präsidentin wird – kann man/frau auch bestreiten. Biden wird nicht der Befreier der Entrechteten, der große Friedensstifter oder gar der Frauenkämpfer sein. sicher nicht. aber ein Unterschied zu Trömp ist es jetzt schon. ein wichtiger. wenn man nur an die Umwelt denken; aber wir erinnern uns an eine Kandidatin, die deutlich mehr Chancen auf die Präsidentschaft hatte als Victoria 1872. Hillary Clinton. sicher: eine Frau. aber war sie die Befreierin der Entrechteten oder Kämpferin für die Frauenrechte (außer ihrer eigenen) doch mehr die Kandidatin der Großfinanz? Hauptsache Frau? Kamala Harris ist eine Frau und hat durch die Gnade der frühen Geburt von Joe Biden eine noch bessere Chance die erste Präsidentin zu werden. ich finde: eine tolle Frau, aber auch mit Ecken und Kanten (Oberste Staatsanwältin wird man/frau auch nicht nur durch Liberalismus. zumindest nicht in den USA).
    3. muss ich mich natürlich umgehend zum Thema „Schalke“ äußern. der Vorschlag von Dir: abpfeifen, „we habe won“ schreien, würde denen sicher helfen. aber mein Mitgefühl mit Schalke hält sich stark in Grenzen. ich möchte nur an den langjährigen Präsidenten (nicht der USA, sondern des FC Schalke 04) erinnern, einen gewissen Clemens Tönnies. gemeinsam mit Herrn Trömp hat er, dass er sein immenses Vermögen im wahrsten Sinne gewaltigen Schweinereien verdankt, dass er ebenfalls ungern Steuern zahlt, durch spezielle Berater (nicht gerade Steve Bannon, aber immerhin Sigmar Gabriel) glänzt, und durch rassistische Äußerungen ist er auch aufgefallen. ihm würde, wie diesem anderen Präsidenten auch, einen Abstieg in tieferen Ligen gönnen. wo sie hingehören. und das hat nichts mit Schalke zu tun.
    soweit mal zu diesen wichtigen Themen :-).
    Liebe Grüße Wolfgang

    • Lieber Wolfgang, vielen, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar – und natürlich für die Blumen in Punkt 1, das hat mich sehr gefreut. Was die beiden anderen Punkte betrifft: Du hast ja so recht! Natürlich ist es nicht egal, wer Präsident der USA ist und allein schon die Tatsache, dass wir ab Januar toitoitoi nicht mehr täglich mit etwas konfrontiert sein werden, das ich, wenn ich nicht eine zurückhaltende ältere Dame wäre, als Hackfresse bezeichnen würde, stimmt mich zufrieden mit dem Wahlausgang. Andererseits ist Trömp nicht nur für sich selbst genommen ein Problem, sondern er ist, denke ich, in erster Linie ein Symptom für eine Gesellschaft, die verstandesmäßig und ethisch verwahrlost und heruntergekommen ist – immerhin siebzig Millionen Fliegen auf einem Haufen Scheiße. Das kriegt niemand so schnell geregelt, kein Biden, keine Harris… Dass Frau sein allein kein Garant für eine menschliche und soziale Politik ist, das wissen wir ja nun auch spätestens seit Margaret Thatcher, der Herr sei ihrer Seele gnädig. Ich bin trotzdem für eine Frauenquote, hilft ja nix.
      Was Clemes Törries betrifft, da erübrigt sich jedes weitere Wort, so einen wie ihn hat der Verein nicht verdient, aber der Verein bestand und besteht ja auch nicht nur aus ihm, also lassen wir doch ein bisschen Gnade walten, oder? Wenigstens nur ein Abstieg in die zweite Liga, wäre das okay?

  • Liebe Renate,
    Danke für Deine Antwort. Ich bin mit allem einverstanden. Hauptsache Trömp ist weg. Schalke und 2.Liga. Auch ok. Kommt ja eh so.
    Liebe Grüße
    Wolfgang