Das erste Mal

Das erste Mal

Das erste Mal 846 605 Alte Schachteln

Ich weiß, Sex sells, aber für solche billigen Werbetricks sind wir alten Schachteln uns ja zu schade. Fürchten Sie also kein mehr oder weniger aufregendes oder peinliches Bekenntnis aus meiner goldenen Jugendzeit. Andererseits – eigentlich geht es eben doch um ein sozusagen berauschendes Erlebnis! Genau jenes, auf das sich dieser Beitrag bezieht, ereignete sich, als ich so etwa vierzehn oder fünfzehn war, glaube ich. So genau weiß ich das nicht mehr, nur dass es verdammt lang her ist. Es war auch keineswegs das einzige seiner Art. Der Rausch, von dem ich spreche, stellt sich zum Glück auch in späteren Jahren immer wieder mal ein, aber das Ereignis wird seltener und es ergreift einen nicht mehr mit dieser Wucht – mich jedenfalls nicht. So ganz und gar für diese Welt verloren zu sein, nichts mehr wahrnehmen, nichts mehr wollen, nur in diesem Moment zu leben und sich quasi atemlos hingeben…

Können Sie sich noch daran erinnern wie es war, das erste Mal „Die drei Musketiere“ zu lesen?

Ich kann Ihnen jetzt nichts über D’Artagnan, Athos, Porthos und Aramis erzählen, was Sie nicht schon wüssten, wenn Sie Dumas gelesen haben, und wenn Sie die drei Romane noch nicht gelesen haben: Ich beneide Sie! 

Wie gesagt, die drei Helden sind, wie es so schön heißt, „auserzählt“, was sollte ich dem noch hinzufügen. Aber ich kann Ihnen vielleicht etwas, das Sie nicht wissen, erzählen über eine der historischen Figuren, die für die vier Freunde eine Rolle gespielt haben.

Der Herzog von Buckingham, der Anna von Österreich so sehr bezauberte, dass einige der tollkühnsten Aktionen unserer Helden nötig waren, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen, war in der Tat eine außergewöhnliche Persönlichkeit. George Villiers, der schönste Mann Englands und Frankreichs, wie Zeitgenossen befanden, kam aus bescheidenen Verhältnissen. Er wurde am 28. August 1592 als jüngerer Sohn einer eher unbedeutenden Adelsfamilie in Leicestershire geboren. Sein Vater starb 1606 und ließ seine Witwe mit insgesamt vier Söhnen und fünf Töchtern zurück. Trotz der schwierigen Umstände legte die umsichtige Mama des vielversprechenden George großen Wert darauf, dass der Junge sorgfältigst erzogen wurde. Reiten, Tanzen, Fechten, die hohe Kunst der gebildeten und unterhaltsamen Konversation, für einen jungen Mann aus gutem Haus ein absolutes Muss. All das beherrschte unser George aus dem Effeff. Ein Aufenthalt in Frankreich rundete seine Vollkommenheit ab, auch das ein Muss, denn wer im England der damaligen Zeit etwas auf sich hielt, der überquerte den Ärmelkanal.

1614 erschien der junge Villiers zum ersten Mal bei Hofe, wo er bei einer Jagd durch sein männlich verführerisches Aussehen dem König sofort auffiel. James I. war damals bereits in seinen Fünfzigern und es war ein offenes Geheimnis, dass er ein großes, ein sehr großes Faible für schöne junge Männer besaß. Des Königs Favorit zu dieser Zeit war ein Graf Somerset, was nicht jedem am Hof gefiel, denn man fürchtete dessen zunehmenden Einfluss. Es gab also Bestrebungen, den König von Somerset abzulenken. Da kam der schöne George gerade recht. Seine ausgeprägte Vorliebe für junge Schönlinge führte dazu, dass der König bei jener Jagd nur Augen für diese blendende neue Erscheinung hatte. Als sich dann auch noch herausstellte, dass dieser unbekannte George Villiers ein brillanter Gesprächspartner und ein ausgezeichneter Tänzer war, gab es für seinen Aufstieg bei Hofe kein Halten mehr.

Die erste Stufe auf seiner Erfolgsleiter war die Stelle als Mundschenk des Königs, was ihn natürlich ganz automatisch dauernd in die Nähe des Königs brachte. Man kann sich vorstellen, wie es den Grafen Somerset wurmte, von diesem hübschen Landei ausgestochen zu werden. Er sann darauf, wie er den Nebenbuhler wieder loswerden könne. Als George angesichts der Ungeschicklichkeit eines Dieners, der etwas Sauce verschüttete, die Contenance verlor, und diesem Diener in Anwesenheit des Königs einen Schlag versetzte, sah Somerset seine Chance gekommen. Ein solch skandalöses Benehmen war nichts weniger als Majestätsbeleidigung – und die verlangte nach der Todesstrafe! Somerset wollte George also sofort ergreifen lassen. An den Galgen mit dem Schönling und weg mit Schaden!

Doch James I. machte ihm einen Strich durch die Rechnung, denn der Monarch reagierte mit wahrhaft königlicher Nachsicht: Man sollte kein großes Gedöns um diese Sache machen und den armen Villiers in Ruhe lassen! Tja, wenn man die royale Gnade besitzt, kann man sich einiges leisten. Es steht zu vermuten, dass Somerset die Gesichtszüge entgleisten und wahrscheinlich wurde ihm in diesem Moment endgültig klar, dass seine Zeit abgelaufen war. In der Folge fiel er zuerst in Ungnade und dann ins Exil.

Villiers hingegen stiegt in der königlichen Gunst immer weiter auf. Das Jahr 1616 sah ihn als Vicomte, 1617 als Graf von Buckingham, 1618 machte der König ihn zum Marquis und 1819 zum Admiral und obersten Befehlshaber der Marine. Eine hübsche Laufbahn, aber können wir annehmen, er habe sich nach oben geschlafen? War er nicht nur der Liebling, sondern auch der Liebhaber des Königs? Schwer zu sagen.

Die ausgeprägte Vorliebe des Königs für George war offensichtlich, er liebte sein gutes Aussehen, sein Charisma, sein Auftreten, seine Allüre und die Korrespondenz zwischen James und Buckingham spricht ihre eigene Sprache. Es sind, man kann es nicht anders sagen, Liebesbriefe reinsten Wassers, etwa wenn Buckingham beteuert, dass er für den König mehr Zärtlichkeit empfinde, als sie zwischen verliebten Eheleuten herrsche. Andererseits nennt er den König „Papa“. Der König wiederum schreibt von ihrer Verbindung als von einer „unauflöslichen Ehe“ und nennt Buckingham „mein liebstes Kind“, unterschreibt mit „dein Papa und Ehemann“. All das hindert Buckingham jedoch nicht daran, auch den Damen seine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und schließlich ganz konventionell eine adelige Lady zu ehelichen, Katherine Manners, mit der er ein paar Kinder zeugte. 

Dem jungen Mann schien alles zu gelingen, doch er besaß auch unersättlichen Ehrgeiz. Während einer Zwischenstation auf dem Weg nach Madrid, sah er in Paris zum ersten Mal Anna von Österreich, die Gattin Ludwigs des XIII.  Die Reise nach Madrid hatte er übrigens unternommen, um ein äußerst heikles Heiratsprojekt in die Wege zu leiten, die Vermählung von James‘ Sohn Charles mit der spanischen Infantin. Damit wollte er, Buckingham, der europäischen Politik ein für allemal sein Siegel drücken. Daraus wurde zwar nichts, er hatte es grandios vermasselt und die Heirat zwischen der Infantin und dem späteren Charles I. scheiterte an „unüberwindbaren religiösen Differenzen“, doch für seine Bemühungen wurde Buckingham trotzdem zum Herzog gemacht.

Aber auch wenn aus der spanischen Hochzeit nichts wurde, so schnell gab ein Buckingham nicht auf. Wenn die spanische Prinzessin nicht zur Verfügung steht, wie wäre es dann mit einer französischen? Stellvertretend für Charles, der in der Angelegenheit offenbar nicht allzuviel mitzureden hatte, warf er also ein Auge auf Henriette Marie, die Schwester Ludwigs des XIII. Charles wollte eigentlich keine Katholikin mehr, aber Widerstand gegen Buckingham konnte so ermüdend sein, also gab er nach.

Buckingham beschloss, sich selbst nach Paris zu begeben. Honi soit qui mal y pense. Beim ersten Besuch in Paris hatte Anna von Österreich mächtig Eindruck auf ihn gemacht. Diese so gut wie unerreichbare Frau zu erringen, das reizte ganz ungeheuer seine Eigenliebe – solch eine Trophäe war doch wahrhaftig seiner würdig!

Er handelte also mit Richelieu aus, dass er selbst als Vertreter der englischen Krone in Paris erscheinen würde. Und eine Erscheinung im wahrsten Sinne des Wortes muss es gewesen sein, als der Herzog von Buckingham im Louvre eintraf. Er erregte ein nie dagewesenes Aufsehen, als er in seiner ganzen Pracht und umweht vom Nimbus seiner Schönheit, seiner Vollkommenheit und seiner Macht dem französischen König – und der Königin, versteht sich, seine Aufwartung machte. Anna von Österreich war schwer beeindruckt. Mit ihren gerade mal dreiundzwanzig Jahren sah sie gar nicht ein, dass sie, nur weil sie französische Königin war, nicht auch ein bisschen Spaß im Leben haben sollte. Ihr Ehemann war eher kalt und abweisend und der charmante englische Herzog durchaus geeignet, ihr vernachlässigtes Herz höher schlagen zu lassen.

Trotz all der Einschränkungen, denen man als Königin unterworfen war – sie war praktisch nie allein- kam man sich näher. Anna und Buckingham hatten aber auch Hilfe, die Herzogin de Chevreuse hatte, aus welchen Gründen auch immer, sich zur Aufgabe gemacht, diese Liaison dangereuse zu bewerkstelligen. Sie tat, was in ihrer Macht stand, um die Königin in Buckinghams Arme zu befördern. Buckingham schien ja auch in der Tat der ideale Liebhaber zu sein und als sich endlich die Gelegenheit ergab, gab es kein Halten mehr.

Wie die Königin aus dem Schlamassel, den sich Dumas drum herum ausgedacht hat, schließlich von D’Artagnan, Athos, Porthos und Aramis gerettet wurde, das müssen Sie schon selbst nachlesen.

Falls Sie glauben, zu alt für solch einen herrlichen Schmöker zu sein, verrate ich Ihnen einen Trick. Lesen Sie ihn einfach entweder im Original oder in einer anderen Fremdsprache, die Sie schon längst mal wieder aufpolieren wollten. Es kann kein Mensch was dagegen sagen, wenn Sie, aus pädagogisch wertvollen Gründen, ein Jugendbuch lesen. Ich benutze das auch immer als Entschuldigung, wenn ich, wie zum Beispiel im Moment, abends im Bett abtauche in einen absolut sinnfreien Fantasy-Roman. Was soll ich machen? Für Montaigne im Original reicht mein Französisch nicht.

Der arme Buckingham wurde übrigens 1628 nach einer Reihe von militärischen Fehlschlägen ermordet.

2 Kommentare
  • Das Jahr 1616 sah ihn als Vicomte,
    1617 als Graf von Buckingham,
    1618 machte der König ihn zum Marquis und
    1819 zum Admiral.
    Der hat aber lange gelebt! Und der König auch!

    • Liebe Luitgard, oh mein unersetzlicher Fehlerengel – warum zum Teufel höre ich nicht auf dich und lass dich meine Texte vorab lesen!? Natürlich hätte es 1619 heißen sollen, und in einem Fall wie diesem kann man noch nicht einmal vorwurfsvoll auf den Computer deuten und behaupten, er war‘s. Aber deinem unbestechlichen Auge entgeht ja zum Glück nichts, also danke für die Korrektur!