Alte Schachteln unterwegs

Alte Schachteln unterwegs

Alte Schachteln unterwegs 846 605 Alte Schachteln

Juhuuu! Es gibt den ersten Gastbeitrag – und was für einen tollen! Birgit hat einen Aspekt der „alten Schachteln“ eingebracht, um den ich mir, ehrlich gestanden, noch niemals vorher groß Gedanken gemacht habe und es hat mich sehr berührt zu lesen, was sie über die Frauen geschrieben hat, die als Mütter und Großmütter manchmal ganz unfreiwillig mitgeschleppt werden in eine ihnen vollkommen fremde Kultur, weil ihre Familien sie nicht in Krieg und Not und Elend allein zurücklassen wollen. Liebe Birgit, hab ganz, ganz herzlichen Dank für den wunderbaren Beitrag!

Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich noch darauf hinweisen, dass Gastbeiträge jederzeit herzlich willkommen sind. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sich anregen ließen, Ihre Gedanken aufzuschreiben und mit uns allen zu teilen.

 

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Es sind nicht nur die jungen Männer (die uns Alten im Gegensatz zu den meist handyautistischen jungen deutschen Männern in Bus und Straßenbahn höflich einen Platz anbieten), die sich auf den Weg machen, um Krieg, Hunger und anderem Elend zu entfliehen. Auch alte Schachteln werden von ihren Familien mit auf den Weg genommen. 

Hunderte von Kilometern müssen sie zu Fuß zurücklegen um dann in einem Land zu stranden, in dem ihnen fast alles fremd und unvertraut ist. Werden mitgezogen über Stock und Stein, über Berge und durch Flüsse, bei Regen, Hitze und Frost, immer in Angst, erwischt und zurückgeschickt zu werden. Immer zu langsam für die Jungen, die sie aber nicht zurück lassen wollen. Immer auf der Suche nach Essen und Trinken, nach einem Schlafplatz, den die alten Knochen einigermaßen akzeptieren. Und immer die Sehnsucht nach dem alten Zuhause.

 

Wir sollten sie schlafen lassen!

Während wir uns nach unserem Arbeitsleben in der Rente möglichst gemütlich einrichten, müssen sie sich nach den Strapazen und Gefahren des langen Weges in einem Land zurecht finden, das anders riecht, spricht, fühlt und denkt. Das andere Ansprüche an sie stellt und in dem sie als erstes das Wort „Integration“ lernen müssen mit allen Forderungen, die dieses Wort impliziert. 

Oft sind nur eine paar verblichene Fotografien übrig geblieben. Sie zeigen ihr ehemaliges Zuhause,  die vielen Teppiche auf den Fußböden, die ihren Status symbolisierten. Da wurde nicht „nur“ das eigene Haus zerbombt, da lagen Ansehen, Ehre und Status gleich mit in Schutt und Asche und heraus stieg eine alte, hier oft unverstandene alte Schachtel, die Mühe hat, in eine Sprache und in Themen zu finden, die ihr so fremd sind. Deren Kopf zu voll ist von den Sorgen über das Sein und die Zukunft um einem Sprachkurs folgen zu können. Die schnell merkt, dass ihre Geschichten und ihre Sehnsüchte hier nicht gefragt sind. Nie vorher habe ich Menschen kennen gelernt, die bis tief in ihr Inneres hinein so müde waren wie diese Frauen und denen nicht erlaubt wird, so lange zu schlafen, bis sie wieder zu Kräften gekommen sind.

 

Gefühlte Belastung

Ich weiß nicht, ob diese Frauen öfter von dem Grauen träumen, dass ihnen in ihrer Heimat und unterwegs begegnet ist oder von den Zeiten, in denen ihre Welt noch in Ordnung war und sie keinen Gedanken daran verschwenden mussten, diese ihre Welt zu verlassen und sich irgendwo ungeliebt integrieren zu müssen. Ob ihre Sehnsucht nach zuhause größer ist als ihr Wunsch, ihrer Familie hier nicht zur Last zu fallen und ihr zu helfen, hier irgendwie Fuß zu fassen und sich eine bessere Zukunft aufzubauen. Weiß nicht, wie sie ihre Scham immer wieder weg zu lächeln versuchen, wenn sie ihren Gästen auf kahlem Fußboden die billigen Teesorten anbieten müssen.

 

Wundersame Verständigungen nur durch ein Lächeln

Und doch: Sie sind auch wunderbar, die Begegnungen zwischen uns alten Schachteln aus den verschiedenen Welten. Wenn da ohne Worte eine gemeinsame Ebene vorhanden ist – auf der Basis unseres langen Lebens und der „Weisheit“, die wir dadurch erlangt haben? 

Wenn wir Gemeinsamkeiten finden in der Freude über die kleinen und großen Erfolge unserer Kinder und Enkelkinder. Wenn es uns gelingt, uns mit Händen und Füßen über „unsere“ Banalitäten wie das Zwicken im rechten großen Zeh, unser dünner werdendes Haar, über das nächste Mittagessen und unsere verschiedene Art, uns zu kleiden, auszutauschen. Wenn wir „diskutieren“, ob der unsichtbare Stich oder das gekaufte Bügelband zum Kürzen einer Hose besser geeignet ist und wir uns gegenseitig unsere Kaffee-trinken-Kultur und ihre Tee-Trinken-Kultur vorstellen. Wenn wir Alltägliches aneinander verstehen.

Ich kann es gar nicht genau benennen, was da miteinander passiert. Unvergessen ist mein Erlebnis als ich eines vormittags in Sri Lanka im Bus unterwegs war. Der Bus war sehr voll mit alten Schachteln, unterwegs wohin auch immer, es gab keinen freien Sitzplatz. Da die Menschen in Sri Lanka meist kleiner gewachsen sind als wir WesteuropäerInnen, sind auch deren Busse nicht so hoch gebaut wie unsere. Was heißt, daß ich mich irgendwie in gebückter Haltung für die Fahrt einrichten musste. Das Kichern fing in einer Ecke an und setzte sich nach und nach im ganzen Bus fort. Ich brauchte etwas Zeit, um zu verstehen: meine für dortige Verhältnisse außergewöhnliche Körpergröße und die Situationskomik, die sich daraus ergab. Eine ganze Fahrt lang hatten wir zusammen eine schöne Zeit, auch wenn meine armer Rücken später etwas gemeckert hat.

Vielleicht sollten wir öfter mal gemeinsam Lächeln oder auch Kichern, genießen und wertschätzen, was wir trotz aller Verschiedenheit miteinander haben und es damit den alten Schachteln, die hier bei uns ihr leben müssen, etwas leichter machen.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay