Noch eine Mutation

Noch eine Mutation

Noch eine Mutation 846 605

Da manche Politiker jetzt schon anfangen mit wahrer Lust an schlechten Nachrichten von der dritten Welle zu schwadronieren, ohne dass man den Eindruck hat, dass die Erfahrungen der ersten und zweiten Welle für die, die ihnen laut Lippenbekenntnissen ach so sehr am Herzen liegen, irgendwelche hilfreichen Handlungen nach sich gezogen hätten, oder dass unser Impf-Management uns über den Stand eines Entwicklungslandes gehoben hätte, bin ich gerade reichlich schlecht gelaunt („angepisst“ wäre wahrscheinlich der angemessene terminus technicus, aber so etwas käme mir niemals über die Tastatur!). 

Da das Corona-Virus bekanntermaßen nachtaktiv ist, dürfen wir Baden-Württemberger seit Monaten nach acht nicht mehr aus dem Haus, beziehungsweise seit zwei Tagen nach neun. Immerhin! Spätestens um acht zu Hause sein musste ich zum letzten Mal vor knapp sechzig Jahren. Ich fühle mich also ganz wunderbar verjüngt, was will man mehr, als alte Schachtel! 

Dabei ist übrigens noch interessant, wie unterschiedlich sich Viren in den verschiedenen Ländern verhalten – es gibt ganz offenbar auch tagaktive. In diesen Ländern dürfen die Menschen tagsüber ohne Masken nicht aus dem Haus, abends und nachts aber sehr wohl. Ja, diese Viren sind raffiniert, mal geben sie sich so, mal so, nur damit man ihnen nicht auf die Spur kommt!

Immerhin hat es unser sogenanntes Gesundheits-Management geschafft, einen Mythos aus der Welt zu schaffen. Denn allen gegenläufigen Meinungen zum Trotz sind wir weder effizient, noch kompetent, noch gut organisiert. Was uns, laut Süddeutscher Zeitung, sehr viel Sympathien einbringt: Alle anderen Länder sind augenscheinlich außer sich vor Freude, dass sie keine Angst mehr vor der sprichwörtlichen, aber desungeachtet nicht vorhandenen Überlegenheit deutscher Tüchtigkeit zu haben brauchen. Jedenfalls titelte die SZ am 12. Februar „Über die neue deutsche Ineffizienz lacht inzwischen die Welt. Das ist nicht nur schlecht.“ Ich finde, wo sie Recht haben, haben sie Recht. Lachen ist gesund, und das ist in Corona-Zeiten ja immer wertvoll.  

Isset jetzt juut? Was genau soll daran „nicht schlecht“ sein? Die Lachnummer der Welt zu sein gründet sich ja nicht auf den Slapstick-Einlagen, die AfD-Politiker im Parlament hinlegen, wenn sie sich als die Verteidiger der Demokratie gerieren, und auch nicht auf den Aussagen von Andi Scheuer vor dem Untersuchungs-Ausschuss bezüglich seines Hunderte -von-Millionen-Euro – Maut-Debakels, sondern sie gründet sich darin, dass unsere Verwaltungen damit überfordert zu sein scheinen, etwas hinzukriegen, was andere Länder sehr wohl packen. 

In besagtem Artikel erwähnt die SZ auch die notorische Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn. Darüber gibt es ebenfalls echt nichts zu lachen. Wer schon jemals im Winter nachts um elf oder zwölf auf einem gottverlassenen, zugigen Bahnhof wie zum Beispiel dem in Offenburg gestrandet ist, weil man den letzten Anschlusszug nach Konstanz wegen genau jener Unpünktlichkeit verpasst hat, dem war wahrhaftig nicht nach Lachen. Oder wer frohgemut in einen Zug einstieg, auf dem zwar „Konstanz“ stand, der aber mitnichten die Absicht hatte, auch nach Konstanz zu fahren, sondern nur bis Donaueschingen und der vom „Zugbegleiter“ als einzige Auskunft erhielt, dass er auch nicht wisse, was das zu bedeuten habe und wie man als Reisender weiterkommen könnte, er habe in Donaueschingen sowieso Schichtschluss, der hat sich auch nicht gerade auf die Schenkel geklopft vor Lachen.

Geneigte Leserin, geneigter Leser, Sie merken, hier mutiert gerade gewaltig was. Eine alte Schachtel mutiert von einer netten älteren Dame zu einer Wutbürgerin. Wenn ich demnächst anfange, mit einem albernen Alu-Trichter auf dem Kopf herumzulaufen, wissen Sie, was die Stunde geschlagen hat: Dann bin ich dem Corona-Wahnsinn anheimgefallen. Kurierbar ist der nur durch Power-Shopping in echten Läden mit anschließendem hardcore Tortenverzehr in echten Cafés, in besonders kritischen Fällen müssen noch ein paar doppelte Whiskys in einer echten Bar hintergegossen werden. 

Was ich eigentlich zum Ausdruck bringen wollte, bevor es mit mir durchging, können andere Menschen zum Glück sehr viel besser, mit sehr viel wohlgesetzteren Worten und mit guten Argumenten äußern. Noch selten hat mir jemand in letzter Zeit so aus der Seele gesprochen, wie der Autor jenes Blogbeitrags, auf den hinzuweisen ich mir hiermit erlaube:

praefaktisch.de : Sicherheit auf Kosten von Freiheit und Lebensqualität?

Der Blog präfaktisch ist auch ansonsten sehr empfehlenswert, wenn man Spaß an philosophischen Themen hat. Philosophen haben ja oft den Nachteil, dass man sie leider nicht versteht. Bei einigen wenigen Beiträgen ist das auch auf präfaktisch der Fall, aber im Großen und Ganzen schreiben die Autoren dort so, dass auch der normalintelligente Leser hinterherkommt.

Und es gibt noch einen weiteren Blog, auf den hinzuweisen ich die Freude habe:

lesenundschreiben-geiss.de

Die Autorin Sanna Dietrich ist uns alten Schachteln schon von ihren Gastbeiträgen hier bei uns bekannt und ich finde es super, dass sie ihre Lese-Erlebnisse nun auf einem eigenen Blog veröffentlicht. Ich hoffe sehr, sie findet sehr viel Zuspruch!

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 
1 Kommentar
  • Renate mit Wut und Aluhut – dies zu sehen gäbe ich viel – ich würde mich wahrscheinlich totlachen, was sicher eine angenehmere Todesart ist als eine Virusinfektion.

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