Fürstlich getröstet

Fürstlich getröstet

Fürstlich getröstet 846 605

Wenn ich entscheiden müsste, welchem Jahrhundert meine ganz spezielle Neigung gehört, würde ich ohne Zögern das 19. Jahrhundert wählen. Jane Austen und Alexandre Dumas sind mir lieber als Patricia Highsmith oder Michel Houellebecq, für die Präraffaeliten würde ich jeden Anselm Kiefer, jeden Mark Rothko und jeden Lucian Freud links liegen lassen und Georges Bizet, Hector Berlioz und Giuseppe Verdi bereiten mir unendlich viel mehr Hörvergnügen als Benjamin Britten, Alban Berg oder Krzystof Penderecki. Man missverstehe mich nicht (heutzutage muss man immer gleich beteuern, dass man nicht missverstanden werden will, denn wir leben in einer Kultur, in der jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, was ziemlich lästig sein kann, weil man, um noch als reflektierter Mensch durchzugehen, ja immer die gegenteiligen Ansichten auch gleich mitwürdigen muss), ich will damit nicht sagen, dass es nicht auch unglaublich großartige Künstler in jedem anderen Jahrhundert gegeben hat und gibt, aber zum 19. habe ich eben eine besondere Affinität. Insofern war es kein Wunder, dass ich früher oder später beim Fürsten Pückler-Muskau landen würde. Ein Wunder war eher, dass es so lange gedauert hat. 

Herrmann Fürst Pückler-Muskau (1785 – 1871) bereiste von 1825 an für viele Monate England und schrieb über seine Eindrücke von Land und Leuten seine berühmten „Briefe eines Verstorbenen“, damals ein Bestseller. Wie er zum Beispiel die außerordentliche Arroganz der englischen Oberschicht schildert, die ganz und gar selbstverständlich davon überzeugt ist, dass ihre Lebensart so vollkommen überlegen ist, dass sie erst gar keinen Vergleich mit anderen Nationen zulässt, ist amüsant – und es macht nachdenklich. Denn wir Nachgeborenen, und wir Deutschen besser als jedes andere Volk, wissen ja nun, dass bisher noch jede Nation, die von sich geglaubt hat, das Nonplusultra zu sein, bitterböse auf die Nase gefallen ist. Ein bisschen von jenem irregeleiteten Hochmut schwang ja oft auch in den Brexit-Äußerungen diverser Politiker mit. Da ich ein großes Faible für englische Kunst und Literatur habe, fand ich das sehr traurig und schade, denn ich bin fest davon überzeugt, dass England Besseres verdient hat, als diese Politiker. Und wenn man an die andere Nation denkt, die zu unserer Zeit an dieser großmäuligen Selbstüberschätzung leidet und sich selbst für „God’s own country“ hält, obwohl sie gerade mehr das Bild einer rückständigen Bananen-Republik abgibt, so fragt man sich ja auch, wie das noch enden wird.

Aber zurück zu den Briefen Fürst Pücklers.

Weshalb ich nun darauf gekommen bin, ihn zum Gegenstand bei den alten Schachteln zu machen, ist dem Umstand zu verdanken, dass ich in den letzten paar Wochen (mal wieder) ein bisschen mit den Auswirkungen des Alters gehadert habe. Leider ist mir mein Äußeres nicht gleichgültig, weshalb es mir manchmal überhaupt nicht gefällt, was ich im Spiegel sehe. Dass der Mensch altert, ist vollkommen in Ordnung – aber deswegen hätte man doch nicht auch noch die „Hautalterung“ mit einführen müssen! „Hautalterung“, wenn ich das schon höre – da schwingt doch schon die „Materialermüdung“ mit, und von der ist es nur noch ein Katzensprung bis zum „alten Eisen“… Hautalterung also, unschönes Wort, das auf Cremeverpackungen auftaucht, die verlogenerweise Abhilfe versprechen. Die angekündigten Wunder bleiben zwar aus, aber andere Maßnahmen als Cremes zur Oberflächenoptimierung verbieten sich in meinen Augen. Schon der ehrwürdige Kai Lung, seines Zeichens wandernder Weiser in einem imaginären China, warnte eindringlich, dass es unklug sei, sich an den Schwanz eines Tigers zu klammern, um sich vor dem Ertrinken zu retten. Niemals unters Messer also! Ich bin ja nicht doof. Aber, wie gesagt, erfreut bin ich auch nicht.

Und just in einem solchen Moment des Missvergnügens las ich in den „Briefen“ Pücklers (an seine neun Jahre ältere Ex-Ehefrau und immer noch liebe Freundin) seine Bemerkungen zum Altern:

„Auch hat die Erfahrung mich abgekühlt, das Blut wallt nicht mehr so unerträglich heiß, und der leichte Sinn hat mich dennoch nicht verlassen, ebenso wenig, wie die Fähigkeit, innig zu lieben. Damit genieße ich das Leben jetzt besser, als in der Jugendblüte, und möchte nicht mit dem früheren Rausche tauschen, ja ich scheue selbst das Alter durchaus bei solchen Dispositionen nicht, und bin überzeugt, daß auch dieser Epoche, wenn sie kommt, manche herrliche Seite abzugewinnen sein wird, die man früher nicht ahnet, und welche nur diejenigen nicht erkennen, welche ewig Jünglinge bleiben wollen. Ich las neulich ein paar hübsche englische Verse, die etwas Ähnliches berühren, und die ich, nach meiner Art, in Beziehung auf Dich, wie folgt, umwandelte, auf Dich, meine mehr als mütterliche Freundin, welche scheidende Jugend oft zu sehr bedauert. Dies sind die innig gemeinten Worte: 

 

Ist gleich die trübe Wange bleich,
Das Auge nicht mehr hell,
Und nahet schon das ernste Reich,
Wo Jugend fliehet schnell!
Doch lächelt Dir die Wange noch,
Das Auge kennt die Träne noch,
Das Herz schlägt noch so warm und frei,
Als in des Lebens grünstem Mai.
So denk‘ denn nicht, daß nur die Jugend
Und Schönheit Segen leiht–
Zeit lehrt die Seele schönre Tugend,
In Jahren treuer Zärtlichkeit.
Und selbst wenn einst die Nacht von oben
Verdunkelnd Deine Brust umfängt,
Wird noch durch Liebeshand gehoben
Dein Haupt zur ew’gen Ruh gesenkt.
O, so auch blinkt der Abendstern,
Ist gleich dahin der Sonne Licht,
Noch sanft und warm aus hoher Fern‘,
Und Tages-Glanz entbehrst Du nicht.–

 

Ja, meine geliebte Julie, so hat auch uns schon die Zeit in Jahren treuer Zärtlichkeit gelehrt, daß nichts mehr echten Wert als diese haben kann, und gegenseitig sind wir uns ein Abendstern geworden, dessen mildes Licht reichlich den Glanz jener Tagessonne ersetzt, welche gar oft mehr sengt als wärmt.“

– Briefe eines Verstorbenen (Reisetagebuch): Reisetagebuch aus Deutschland, Holland, England, Wales, Irland und Frankreich von Hermann von Pückler-Muskau.

Na also, habe ich gedacht, schöner kann man es doch nicht ausdrücken – Abendstern, mildes Licht, treue Zärtlichkeit… Ich bin wieder vollkommen versöhnt mit Alter, mit Falten, mit dem Ziehen im Rücken and whatnot. Selbst die schnell angestellte rechnerische Überlegung, dass der gute Fürst, als er das schrieb, gerade mal 41 (in Worten einundvierzig) Jahre alt war, kann mir meinen Trost nicht rauben. Einundvierzig! Ehrlich, wenn ich einundvierzig wäre, ich käme mir vor wie ein junges Blut – aber was soll’s, es ist die gute Absicht, die zählt. Und die geht eindeutig dahin, seiner Freundin, die damals offenbar gerade so ähnlich drauf war wie ich, auf unnachahmliche Weise zu vermitteln, dass sie auf das blöde Altern nichts geben soll, sondern genießen, was sie hat; lieben, so gut sie kann; geliebt werden ohne Angst vor Verlust; und Schönheit nicht nur in einem glatten Gesicht zu vermuten. Das kommt einer alten Schachtel doch mehr als entgegen!

Bild von nile auf Pixabay