In Teufels Küche

In Teufels Küche

In Teufels Küche 846 605 Alte Schachteln

Krisen sind Auslöser für Veränderungen und als alte Schachtel ist man auf Veränderungen vielleicht nicht unbedingt mehr so scharf wie in Jugendjahren, aber man kann durchaus die Hoffnung hegen, dass Dinge und Zustände, die man seit Jahren oder Jahrzehnten beklagt, nun möglicherweise doch tatsächlich besser werden. Ich sage nur „Tönnies“ und jeder wird wissen, was ich meine. „Never let a good crisis go waste“, dieses Zitat von Churchill konnte man in den letzten Wochen öfter in der Zeitung lesen – keine Sorge, sonst würde ich es auch nicht kennen. Die Krise als Chance nutzen – nee, so tief sinke ich nicht, dass ich das jetzt allen Ernstes hinschreibe, aber wir wissen alle, dass es bei uns so einiges gibt, dem man eine Chance von ganzem Herzen wünscht: Zum Beispiel, dem Willen zum Nachdenken über unsere Konsumgewohnheiten oder überhaupt dem Mut zum eigenen Nachdenken. Selber denken statt dem Willen zur Dummheit zu frönen, das sollten wir doch mal ernsthaft diskutieren!

Viel häufiger diskutiert als man das sonst gewohnt war, wurde in den vergangenen Wochen zum Beispiel auch der „Wert des Lebens“ – alte Menschen haben da plötzlich verbal eine Aufwertung erfahren, von der sie im realen Leben ja überhaupt keine Ahnung hatten. Echt gut, dass das mal zur Sprache gekommen ist. Wenn man so abgeschoben im Alten-„Pflege“-Heim sitzt, von unterbezahlten und überlasteten „Pflege“-Kräften ruhiggestellt wird und freudlos dahinvegetiert, kann man schließlich noch nicht mal ansatzweise auf die Idee kommen, wie wertvoll man der Gesellschaft ist! 

Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht so schrecklich viel vom „Wert“ des Lebens: Mein Leben und das meiner Nächsten und Liebsten ist mir viel wert – aber gibt es für uns Menschen (im Sinne von Menschheit) so etwas wie allgemeine Wertschätzung „des Lebens“? Danach gefragt, würde ich mich selbstverständlich, so wie die allermeisten von uns, sofort dazu bekennen. Klar, Wert des Lebens, allererste Priorität, Mann! Es führt allerdings kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Als Allgemeinheit verhalten wir uns dazu absolut konträr. Wir scheinen den Wert unseres Lebens ziemlich leichtfertig zu behandeln, denn für Konsum und für das, was man uns beigebracht hat als „Wohlleben“ zu betrachten, setzen wir gerade ziemlich viel aufs Spiel. Können wir womöglich nicht anders? Wer weiß – „Uneinigkeit und absolute Entzweiung machen das Wesen des Menschen aus.“ (Und um Sie zu beruhigen, auch dieses Zitat von Hegel kenne ich nur aus zweiter Hand. Etwas von Hegel selbst zu lesen ist mir niemals gelungen, ich habe es als „linker“ Teenager zwar versucht, musste aber erkennen, dass mein Hirn dafür nicht gemacht ist, es verknotete sich dermaßen, dass nur der zuverlässig einsetzende Tiefschlaf es wieder entknoten konnte.)

Uneinigkeit und absolute Entzweiung machen also unser Wesen aus, in unserem Umgang mit uns selbst und im Umgang mit anderen. Wir postulieren mit Begeisterung den Wert des Lebens und behandeln es schäbig. Wir wollen „haben“ und nicht verzichten. Ist das der Sinn des Lebens? Haben, haben, haben? Nein, sicher nicht, ich denke, da sind wir alten Schachteln uns einig. Aber jetzt steh ich wie der Ochs vorm Scheunentor schon wieder am nächsten Hindernis. „Der Sinn des Lebens“ oh là là, darf’s für fünf Pfennig weniger sein?

Ich komme Ihnen sogleich mit dem nächsten Zitat aus zweiter Hand, diesmal von Kant, der in seiner Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“ schreibt, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens zu jenen gehöre, mit denen die menschliche Vernunft sich selbst belästige, die die sie nicht abweisen könne und die doch ohne Antwort bleiben müssten.

Es gibt also keine allgemein gültige Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens – wer eine für sich gefunden hat, hat sie „für sich“ und zwar ausschließlich für sich gefunden. Leider haben religiöse Fanatiker das noch nie kapiert, weshalb sie, um Andersdenkende von den unschätzbaren Segnungen ihres Glaubens zu überzeugen, nicht zögern, diesen das Leben zu nehmen, im Namen des gütigen Gottes, geheiligt werde sein Name. Politische Fanatiker sind selbstverständlich auch nicht besser. Radikalität besitzt ihren Charme, aber selten für die, die nicht mitmachen wollen.

Aber belästigen wir unsere Vernunft noch ein bisschen: Also zurück zum Sinn des Lebens, von dem man nicht weiß, ob es ihn gibt oder nicht, und ob man ihn braucht oder nicht. Aber ob man ihn nun „braucht“ oder nicht – es ist schön, wenn man ihn hat, die Erfahrung hat wahrscheinlich jeder schon gemacht. Das Gefühl, ein sinnvolles Leben zu führen, trägt ganz erheblich zum Wohlgefühl bei. Man braucht vielleicht nicht unbedingt DEN SINN DES LEBENS in Großbuchstaben, aber Sinn im Leben. Für sich selbst Sinn im Leben gefunden zu haben, oder sich ihn gegeben zu haben, das verleiht Kraft. Es trägt über viele Schwierigkeiten hinweg. Es gibt Bedeutung, wo sonst „Sinn“-Losigkeit herrscht. Dem eigenen Leben Sinn zu verleihen, das gelingt für gewöhnlich, wenn man sich etwas widmet, dem man Wert beimisst.

Das hilft uns nun aber echt nicht aus der Bredouille heraus! Wenn wir zum Beispiel voraussetzen, dass Jeff Bezos dem Versuch, Amazon zum weltbeherrschenden Unternehmen zu machen und seinen ohnehin schon unverantwortlichen Reichtum ins noch Monströsere zu steigern, einen großen Wert beimisst –  was sein gesamtes Verhalten nahelegt –  dann können wir schlussfolgern, dass er ein sinnvolles Leben führt. Aber wer von uns wollte dem frohgemut zustimmen? Das kann kein „sinnvolles Leben“ sein, das unseren Ansprüchen an diesen ehrwürdigen Begriff genügt. Nee, nee, nee, da fehlt die Ethik.

Wo führt dieser Beitrag denn noch hin? Das mit dem „Wert beimessen“ hat uns nun unaufhaltsam in die Arme der Moral getrieben. Diese Arme können einen ganz schön in den Würgegriff nehmen. Also, halten wir fest, Ethik gehört auch dazu, wenn Sinn im Leben uns beglücken soll. Wert hat nur Wert, wenn er moralisch gerechtfertigt ist. Also zum Beispiel, wenn er Leben schützt und erhält, worin wir, so global gesehen, nicht besonders gut sind, wie zu Beginn schon traurig vermerkt wurde. 

Aber selbst, wenn man das Globale außen vor lässt, wird es langsam richtig kompliziert, Wert, Sinn, Moral, Ethik, welche Katze beißt sich denn da in den Schwanz?  Nun sind wir in Teufels Küche! Helfen Sie mir weiter! Wie kommen wir aus dieser Sinn-Krise raus? Wie denken Sie darüber? Was macht in Ihrem Leben Sinn? 

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 
6 Kommentare
  • Erst mal danke für diese tolle „Schreibe“! Es ist für mich immer wieder ein Genuss und zugleich eine Bereicherung als alte Schachtel Ihre( in Gedanken Deine) Gedanken zu lesen.
    Mein Sinn des Lebens: stimmt, hat was mit meinen Werten zu tun( humanistisch) und für mich auch damit diesen Sinn in Beziehung zu leben. Zu mir, meinen Lieben und auch neuen, fremden Menschen mit Ermessen ich weiß und kann zu begegnen. Mehr Sein als haben, mehr teilen, mit-teilen, als Ausbeuten…
    Und mich dabei ,auch als alte Schachtel, immer wieder in neuen Situationen und Begegnungen, auch herausfordernden, zu erleben. Stabilität durch finanzielle Sicherheit( nicht Reichtum) und mich tragende Beziehungen gepaart mit Flexibilität , Bereitschaft zu Neuem. Denken, Fühlen und Handeln immer wieder neu zu entdecken… ein so spannender Sinn des Lebens für mich alte Schachtel.
    Herzlichst
    Isabel

  • Liebe Isabel, ganz, ganz herzlichen Dank für diesen wunderbaren Kommentar und natürlich auch Dank für das Lob, über das ich mich von ganzem Herzen gefreut habe! Ich finde es einen sehr guten Gedanken, dass du (wir können uns ruhig duzen) die Beziehungen mit ins Spiel gebracht hast. Ich glaube auch, dass gute Beziehungen sinnstiftend sind und einen großen Wert darstellen, für mich wäre ein Leben ohne gute Beziehungen zu Familie und Freunden jedenfalls wertlos, das könnte kein Reichtum dieser Welt aufwiegen. Und offen, Neuem gegenüber aufgeschlossen und flexibel sein, wie du das schreibst, das macht doch genau die vielgerühmte „Jugendlichkeit“ aus, die so viel wertvoller ist als ein paar Falten mehr oder weniger.

    • Vom Sinn des Lebens

      Ich habe in den Büchern nachgeschlagen
      über den sogenannten Sinn des Lebens.
      Die Gelehrten sind sich darüber einig,
      daß sie sich darüber nicht einig sind.

      Mascha Kaléko

      Naja, wir haben ja genügend darüber disputiert, weil ich den wirklichen, echten, wahrhaftigen, möglichst verständlichen, vielleicht sogar greifbaren Sinn ja immer noch in die alte Schachtel (mich) reintun möchte. Liebe Renate – bis jetzt gang es nicht.

      • Liebe Luitgard, meiner strikt persönlichen Auffassung nach wird es auch in Zukunft nicht gehen. Wenn man kein religiöser Fundamentalist ist sondern statt an Gott an die Naturwissenschaften glaubt, und aus diesem Grund Darwins Entstehungslehre für wahr hält, dann erscheint „der“ Sinn des Lebens als ein überflüssiges Konzept. Wenn man Sinn will, muss man sich schon selbst darum bemühen, er wird nicht über einem ausgegossen, denke ich.

        • Brigitte Wächtler Juni 29, 2020 um 11:56 am

          Wir glauben, dass Tiere den Lebenssinn in der Arterhaltung also Fortpflanzung liegt. Kann schon sein. Wir Menschen haben es da ein bisschen schwieriger. Aber „Halt“, ich denke gerade an die Menschen, die in den Favelas von Rio de Janeiro leben, in den Townships von Südafrika, in Indien, wo sich die durch Corona arbeitslos gewordenen Tagelöhner Hunderte von Kilometern ohne Geld und Nahrung zu Fuß nach Hause schleppen, und all die vielen Menschen, die nicht wissen, wie sie morgen sich und ihre Lieben ernähren. So, die haben kein Problem mit der Sinnsuche, denn da geht es ums nackte Überleben, nichts weiter!
          Insofern kommt mir der Gedanke, dass uns unser Wohlstand in diese „Sinnkrise“ führen könnte. Ist das unser schlechtes Gewissen, oder streben wir nach etwas Höherem? Überhaupt stelle ich gerade das Wort „Sinnsuche“ in Frage.
          Jetzt kommt mir der naheliegende Gedanke, dass unser Leben vielleicht überhaupt keinen Sinn hat, sondern dass wir einfach eine Laune der Natur sind, die auch vorübergeht.
          Ich stimme Isabels großartigem Kommentar dennoch voll zu und denke, dass wir auch einen Sinn im Klein-Klein des täglichen Lebens finden können. Und das kann jeder für sich selbst entscheiden.
          Ich bin dankbar, dass ich von Natur aus ein positiver, freundlicher Mensch bin. Und da habe ich durchaus schon kleine Wunder erlebt, wie ein frustrierter, vielleicht auch gerade überforderter Mensch mich blöd anmacht, und ich einfach weiter freundlich bleibe…. und plötzlich ändert sich die Stimmung.
          Also, wir sind nicht alle Albert Schweitzer oder Mahatma Gandhi. Ich glaube, das müssen wir auch nicht.
          Das war jetzt eine kleine unsortierte Auswahl der Gedanken, die mich in diesem Zusammenhang in den letzten Tagen umgetrieben haben. Eine endgültige Meinung ist auch für mich nicht in Sicht. Aber ich habe gemerkt, wie viel Stoff dieses Thema noch bieten kann.

  • Liebe Brigitte, ich finde es großartig, dass du uns alle an deinen „unsortierten“ Gedanken teilhaben lässt! Ja, das Thema wird wahrscheinlich niemals ausdiskutiert sein, umso schöner, wenn möglichst viele unterschiedliche Gesichtspunkte zur Sprache kommen. Der Gedanke, dass für viel zu viele Menschen auf der Welt der Lebenssinn im nackten Überleben besteht, hat mich sehr berührt, danke, dass du diesen Aspekt mit eingebracht hast. Ich würde mich sehr freuen, wenn du dir immer wieder die Mühe machen wolltest, uns partizipieren zu lassen an dem, was dir wichtig ist. Es eröffnet neue Ausblicke!