Na also, positiv geht doch!

Na also, positiv geht doch!

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Man soll ja nicht immer nur meckern – positiv sollen wir unsere Tage gestalten – schließlich leben wir noch, das ist doch schon mal was. Und wir dürfen wieder zum Friseur. Nicht, dass mich persönlich das nun entscheidend vorwärts bringen würde in der positiven Lebensgestaltung, ich war vor zehn, zwölf Jahren zum letzten Mal „bim Gwafför“, wie unsere Schweizer Nachbarn sagen. Wenn ich Angst bekomme, dass ich demnächst auf meinem Zopf lande beim Hinsetzen, kämme ich mir die Haare rechts und links nach vorn und schneide einfach zwanzig Zentimeter ab. Aber die Krone aller Ehemänner ist erleichtert, das loszuwerden, was er mit unglaublicher Übertreibung als seine „Hippiemähne“ bezeichnet. Also kann man die Öffnung der Friseur-Salons als echten Lichtblick beschreiben. Und nachdem ich im letzten Beitrag meinem Unmut freien Lauf gelassen und mich so negativ (igittigittigitt) über die beobachtbaren Inkompetenzen unserer Autoritäten geäußert habe, ist jetzt definitiv ein Gegenentwurf angebracht. Also dachte ich mir, ich könnte doch für die geneigten Leserinnen und Leser ein bisschen was über Glück schreiben. 

Nach einer einschlägigen Erfahrung am Ende eines Urlaubs vor ein paar Jahren, glaubte ich ein für alle Mal zu wissen, was Glück ist: Glück ist, keine Zahnschmerzen zu haben (kann durch jede andere Form von Schmerz ersetzt werden, nehme ich an). Leider ist diese Formel nicht von dauerhaftem Wert. Ein paar Stunden nach dem Zahnarztbesuch denkt man schon wieder, Glück wäre es doch, wenn man sich diese bezaubernden Sandalen kaufen könnte. 

Geht gerade nicht, Sie wissen schon, aber vielleicht ist das ja auch ein Glück. Wie oft hat man nicht schon die Erfahrung gemacht, was einem nach zwei Stunden Tragen von neuen Schuhen als Glück erschien: Sie endlich ausziehen zu dürfen…

Früher hieß es immer „Geld macht nicht glücklich“ – dieser Satz darf als endgültig widerlegt betrachtet werden. Eine große Anzahl von Glücksforschern hat sich seit Jahrzehnten diesem Thema gewidmet. Die Daten aus der ganzen Welt zeigten immer wieder, was wir (ich schließe Sie jetzt mal kühn mit ein) ihnen auch ohne Millionen von Steuergeldern auszugeben, hätten sagen können: Dass Geld und subjektives Wohlgefühl sehr stark zusammenhängen. Wer mehr verdient, wird meistens glücklicher. Das gilt vermutlich nicht, und das ist die ausgleichende Gerechtigkeit bei der Sache, für die Gierhälse, die nie genug kriegen können.

Bei der Gelegenheit können wir auch gleich mit einem Irrtum aufräumen, der immer noch durch alle möglichen Artikel und Bücher geistert. Es geht dabei um die These vom „Setpoint des Glücks“, die in den siebziger Jahren von Brickman und Campbell aufgestellt wurde. Die behaupteten damals, dass Menschen langfristig durch einen Lottogewinn nicht glücklicher werden – und durch einen Unfall, der sie in den Rollstuhl zwingt, nicht unglücklicher. Die These lautete: Wir gewöhnen uns an alles und landen nach einiger Zeit wieder auf unserem alten Glückslevel… 

Leider stimmt diese These nicht. Die Ergebnisse von Brickman und Campbell konnten bis heute nicht bestätigt werden. Und an Versuchen hat es weiß Gott nicht gefehlt. Alle neueren Studien zeigen: Die allermeisten Lottomillionäre sind nach ein paar Jahren definitiv glücklicher als vor dem Gewinn. Und wer gelähmt im Rollstuhl sitzt, dem geht es nach ein paar Jahren messbar schlechter als vor dem Unfall.

Schade eigentlich, dass sie widerlegt ist, es war eine nette These – ich mochte sie. Sie hatte so etwas von Unabhängigkeit, Souveränität im Fall der Not, Gelassenheit den widrigen Umständen gegenüber und nur kein Neid auf all diese Jackpot-Knacker. Wenn wir nur lang genug im Lockdown sind, hängt er uns nicht mehr zum Hals raus als sagen wir mal die dämliche Fernseh-Werbung für Kijimea-Reizdarm. 

Die ist so unglaublich ätzend, ich hasse es, immer vor den Nachrichten, die das Glückslevel ja auch selten heben, schlechten Schauspielern dabei zusehen und zuhören zu müssen, wie sie Unfug von sich geben. „Meine Beschwerden waren wie weg!“ Was soll das heißen? Sie waren zwar noch da, machten sich aber nicht mehr bemerkbar? „Wie weg“ – das bedeutet doch, es wirkte nur so, als hätte das Mittel geholfen, oder? Ist das die rechtliche Absicherung gegen irgendwelche möglichen Klagen, dass etwas versprochen wird, aber nicht gehalten? Dass man den Leuten schließlich klipp und klar gesagt habe, die Beschwerden seien nur „wie weg“, aber keineswegs tatsächlich weg? Das alles ganz davon abgesehen, dass ich es absolument degoutant finde, mit den Darmbeschwerden anderer Menschen belästigt zu werden. Da geht mein Glückslevel so was von runter, aber Schwamm drüber, das soll ja nicht Gegenstand dieses Beitrags sein. Wir wollen das Glück anstreben.

 

Was macht der Mensch jetzt also?

Der Mensch liest schlaue Bücher und was erfährt er da? Ein ziemlich weiser Inder, Sri Nisargadatta Maharaj, hält in dem schönen Buch „Ich bin“ (sehr alt, aber immer noch gut) unser unablässiges Streben nach Glück für die Hauptquelle unseres Unglücks. Geistesruhe gilt es zu erlangen. Und der Begründer des modernen Zazen, Kodo Sawaki, schreibt zu diesem Thema in seinem Buch „Zen ist die größte Lüge aller Zeiten“ zum Beispiel: 

  • Geistesruhe bedeutet, genug zu haben am täglichen Leben. Genug zu haben bedeutet, abzusehen vom „vorher“ oder „nachher“ und eins zu sein in diesem Augenblick. Ich rede nicht von der Vergangenheit oder der Zukunft. Ich rede davon, der Gegenwart fest ins Auge zu schauen. Nichts ist wertvoller als dein gegenwärtiger Geist. Denn in ihm ist das ewige Leben.
  • „Was du gestern bekommen hast, das sollst du heute zurückgeben“, so etwas mag ich nicht. Wenn ich etwas bekomme, stecke ich es ein und sage „Danke!“ Wenn jemand es von mir braucht, gebe ich es ihm einfach. Und das ist alles.
  • Was für ein Leben könnte sorgenloser sein als eines, in dem es nichts zu gewinnen gibt?
  • Was ist das große Geheimnis, um das es in der Buddhalehre geht? Die Kunst, zu einem glücklichen Narren zu werden! Das bedeutet, dass du die Befreiung in dir selbst, in deiner Sichtweise der Dinge findest. Ich könnte überhaupt nicht glücklicher sein, als ich bin. Von morgens bis abends bin ich dankbar für alles, was mir passiert.
  • Im Zen sagt man: „Jeder Tag ist ein guter Tag!“ Die Frage ist jetzt: Was musst du machen, damit jeder Tag wirklich ein guter Tag wird? Was musst du besitzen, um jeden einzelnen Tag wirklich genießen zu können? Überhaupt nichts! Du musst überhaupt nichts tun oder besitzen, um glücklich zu sein. Du wirst nur ständig von deiner Idee an der Nase herumgeführt, dass du dies machen musst oder jenes haben willst. Wenn du endlich erkennst, dass diese Idee nur ein Hirngespinst war, wird jeder Tag wirklich ein guter Tag sein und jedes Jahr wird ein gutes Jahr sein.
  • Das größte Glück bedeutet, sich einfach auf das einzulassen, was kommt.

Ich gebe zu, es ist schwierig und widerspricht gewissermaßen auch den oben angeführten Ergebnissen der Glücksforschung. Es unterscheidet sich schon radikal von unserem handelsüblichen Glücksverständnis – aber es lohnt sich doch, mal darüber nachzudenken, oder? Was lässt sich daraus an Erkenntnissen gewinnen? Wie will ich leben? Wie will ich sterben? Gar nicht, eh klar, aber Sie wissen, worauf ich hinaus will – die berühmte Totenbett-Übung: Was will ich da nicht bereuen müssen?

Bild von Myriams-Fotos auf Pixabay 
2 Kommentare
  • Danke, Liebe Renate, für die Portion Kodo Sawaki in meinen heutigen Tag!
    Obwohl ich es immer wieder versuche, komme ich von meinen `wenn – dann`Gedanken nur so schwer los…

    wenn X. anruft, dann bin ich glücklich
    wenn die Wohnung geputzt, entrümpelt… dann ist alles gut

    Eigentlich wissen wir es doch definitiv schon lange besser – nur das mit der geputzten Wohnung steht noch aus. Ich werde einfach nie ganz fertig.

    Deshalb mach ich mich wieder dran. Könnte ja sein, dass wenn…

    Sanna

    • Liebe Sanna, danke für deinen schönen und klugen Kommentar, dazu kann ich gar nicht viel sagen, vielleicht nur so viel: eine Wohnung ist doch schon ein großer Glücksfaktor, ob geputzt und entrümpelt oder nicht. Kennst du nicht den wunderbaren Film „Bob der Streuner“?